Wir sagen auch mal "Nein!"

Dr. Thomas Dewes, Agrarwissenschaftler, Mikrobiologe und Qualitätsexperte, spricht im Interview mit dem Alnatura Magazin über die Bewertung von Lebensmitteln und die Ziele des Alnatura Arbeitskreis Qualität.

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Alnatura Magazin: "Arbeitskreis Qualität" klingt recht trocken. Was geschieht dort?

Dr. Thomas Dewes:
In diesem Kreis treffen sich sechs externe Experten mit Produkt- und Qualitätsfachleuten von Alnatura und besprechen aktuelle und geplante Produktentwicklungen. Meine fünf wissenschaftlichen Kollegen und ich bewerten diese Vorhaben, beraten die beteiligten Alnatura Abteilungen und geben Empfehlungen. Die zentrale Frage lautet immer: Kann das Produkt als Alnatura Produkt wie vorgeschlagen umgesetzt werden oder gibt es Änderungsbedarf? Um hierauf Antworten zu finden, diskutieren wir viel. Dieses Ausloten ist manchmal kontrovers, aber immer spannend!

Woran orientieren Sie sich, um die Qualität eines Produktes zu bewerten?

Wir wollen nicht beliebig sein, deshalb haben wir einen klar definierten Kriterienrahmen. Zunächst muss ein Produkt selbstverständlich der EU-Bio-Verordnung entsprechen. Danach prüfen wir, ob zusätzlich die strengeren Kriterien der Anbauverbände erreicht werden können. Der Anspruch von Alnatura ist, möglichst viele Produkte oder Zutaten aus Verbandsware anzubieten. Selbst wenn ein Produkt im Regal nicht mit einem Siegel von Bioland oder Demeter ausgelobt ist, erfüllen häufig einzelne Zutaten des Produktes die höheren Anforderungen dieser Verbände, zum Beispiel den Verzicht auf Rieselhilfen im Salz. Als Drittes ziehen wir den von Alnatura erstellten Leitfaden für Produktentwicklung heran. Dieser beschreibt die wünschenswertesten Merkmale eines neuen Produktes, zum Beispiel regional erzeugte Rohwaren oder einen möglichst geringen Verarbeitungsgrad der einzelnen Zutaten. Wir prüfen, ob diese Merkmale umgesetzt werden können. In der vierten Stufe des Bewertungsprozesses kommt die eigentliche Besonderheit des Arbeitskreis Qualität zum Ausdruck. Denn hier fragt Alnatura explizit die Erfahrung und Empfehlung von uns sechs Experten ab. Jeder von uns verfügt über mindestens 20 Jahre Bio-Wissen im jeweiligen Berufsfeld.

Sie sind Agrarwissenschaftler und Mikrobiologe, Ihre fünf Kolleginnen und Kollegen kommen aus ganz anderen Disziplinen. Worin liegt der Nutzen dieser Zusammensetzung?

Der Nutzen liegt eindeutig in der Vielfalt der Per­spektiven. Eine Lebensmitteltechnologin bringt ganz anderes Wissen ein als ein Chemiker oder eine Ernährungswissenschaftlerin. ­Diese Bandbreite hilft uns, die unterschiedlichsten Aspekte eines geplanten Alnatura Produktes zu betrachten. So hat uns Alnatura mal ein Brot vorgestellt, das speziell für eine eiweißorientierte Ernährung mit wenigen Kohlenhydraten entwickelt wurde. Von unserer Ernährungswissenschaftlerin kam die Anregung, das Eiweiß nicht, wie erst vorgesehen, auch aus Milcheiweiß, sondern ausschließlich aus pflanzlichen Quellen zu beziehen. Alnatura hat diese Empfehlung umgesetzt, seitdem steht das Brot auch für die vegane Ernährung zur Verfügung. Interessant ist, dass wir Experten trotz völlig verschiedener Fachrichtungen fast immer zu einer einheitlichen Empfehlung kommen.

Und wenn Sie doch mal unterschiedliche Meinungen haben – was dann?

In diesen seltenen Fällen haben wir ein bewährtes Verfahren. Wir ziehen uns aus der großen Runde zurück und beraten uns zu sechst. Dort wägen wir das Für und Wider ab. Auch hier ist spannend zu beobachten, dass wir immer zu einer Klärung kommen. Dabei gab es nur wenige Fälle, wo wir keine einstimmige Empfehlung hatten. In solchen Momenten erklären wir Alnatura unsere jeweiligen Standpunkte und dann gilt das demokratische Mehrheitsprinzip.

Eine Besonderheit ist Ihr Vetorecht?

Ja, die Möglichkeit des Vetos finde ich außerordentlich bemerkenswert; sie unterstreicht die Ernsthaftigkeit, mit der Alnatura externen Sachverstand gelten lässt. Götz Rehn, Gründer und Geschäftsführer von Alnatura, hat bereits bei der Gründung des Arbeitskreis Qualität vor 30 Jahren das Vetorecht eingeführt. Wir gehen mit diesem Recht verantwortungsvoll um und sagen nur dann "Nein!", wenn wir einen Vorschlag überhaupt nicht akzeptieren können. So wurde uns einmal eine Produktidee vorgestellt, bei der das Lebensmittel direkt in einer Spezialverpackung in der Mikrowelle fertig zuzubereiten war. Bei der Herstellung von Bio-Lebensmitteln darf Mikrowellentechnologie nicht eingesetzt werden, im privaten Bereich freilich schon. Dennoch wäre so ein Ansatz mit unserer Überzeugung und letztlich den Alnatura Werten nicht vereinbar. Diese Produktidee haben wir daher abgelehnt, sie ist nicht umgesetzt worden. In dieser Haltung zeigen sich die tief verwurzelten Ideale für gute, sinnvolle Lebensmittel, denen wir sechs Experten uns verbunden fühlen.

››› Das Interview führte Volker Laengenfelder

Dr. Thomas Dewes hat die Beratungsgesellschaft EcoConcept im Jahr 1997 mitbegründet. Zuvor hat der Agrarwissenschaftler und promovierte Mikrobiologe an den Universitäten Gießen und Kiel zum ökologischen Landbau geforscht und gelehrt. Mehrjährige Tätigkeit als Leiter der Qualitätssicherung in einem Unternehmen der Life-Science-Branche.

Der Arbeitskreis Qualität …

… ist ein externes, unabhängiges Expertengremium und berät Alnatura in allen Fragen der Produktqualität.

… setzt sich aus zwei Ernährungswissenschaft­lerinnen, einem Agrarwissenschaftler, einem Chemiker, einer Lebensmitteltechnologin und einem Lebensmittelrechtler zusammen.

… hat ein Vetorecht in der Produktentwicklung bei allen Qualitätsfragen, d. h. alle Alnatura­Produkte haben vor ihrer Realisierung die Zustimmung der externen Experten erfahren.