Vielfalt schützt das Klima

Keine chemisch-synthetischen Pestizide, kein künstlicher Stickstoffdünger – das sind auf dem Acker die Hauptaspekte des Bio-Landbaus. Aber ist das relevant fürs Klima? Andreas Gattinger, Leiter des Fachbereichs Klima am Forschungsinstitut für biologischen Landbau, im Interview.

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Herr Gattinger, in Bezug auf den Klimaschutz: Was kann Bio, was der konventionelle Landbau nicht kann? In zwei Meta-Analysen haben wir herausgefunden, dass die Lachgas-Emissionen aus Ackerflächen im Bio-Landbau durch weniger Dünger weitaus geringer sind und zudem die Kohlenstoffspeicherung im Boden erhöht ist. Dies liegt vor allem an dem niedrigeren Düngungsniveau im Bio-Landbau, an den Fruchtfolgen mit Futterleguminosen wie Kleegras und an der Verwendung von hofeigenem Dünger. Das wiederum führt dazu, dass in den Böden mehr Humus aufgebaut wird. Höfe, die auf Bio umstellen, bauen tendenziell mehr Humus auf und speichern somit mehr Kohlenstoff als vorher. Auch die Rückführung von Recyclingdüngern aus kommunalen Kompostierungsanlagen ist im Bio-Landbau stärker verankert. Man nimmt also Stickstoff, der schon vorhanden ist, und führt keinen künstlich hergestellten zu. Das ist das Prinzip der Kreislaufwirtschaft. Nur bei Bedarf wird Dünger zugekauft – und der muss dann organischen Ursprungs sein. Synthetischer Stickstoffdünger ist verboten. Sowohl bei dessen Herstellung als auch beim Ausbringen entstehen Emissionen, dazu wird oftmals mehr verwendet, als die Pflanzen aufnehmen können.

Dass Agrochemie wie künstlicher Dünger und chemisch-­synthetische Pestizide schlecht für die Umwelt sind, weil sie die Artenvielfalt gefährden, ist klar. Haben sie auch Aus­wirkungen aufs Klima? Fürs Klima ist der Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden weitgehend irrelevant, weil dadurch kaum Emissionen entstehen. Andererseits spielen die Kohlendioxid- und Lachgas-Emissionen zur Herstellung von künstlichem Stickstoffdünger schon eine Rolle. Die Produktion ist ja weitgehend erdölbasiert.

Und die Artenvielfalt – ist die dem Klima egal? Nein, aber da muss ich etwas ausholen: Nehmen wir die Kompostierung. Sie reduziert die Methan-Emissionen gegenüber der Festmistlagerung. Klar, wenn ich das aufs Feld ausbringe, entstehen Emissionen, aber: Diese regen das Bodenleben an. Ich habe also mehr Mikroorganismen und Bodentiere, die dafür sorgen, dass der Boden gut durchlockert ist. So kann der Boden nicht nur mehr Wasser aufnehmen, sondern auch für mehr Grundwasserbildung sorgen. Ein weiteres Beispiel: Im sogenannten Jena-Experiment des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung wurde gezeigt, dass der Boden umso mehr Kohlenstoff speichern kann, je höher die Pflanzenvielfalt ist (zur Studie: ufz.de/index.php?de=38368).

Ein Gegenargument zu Bio lautet, dass es weniger Ertrag bringt. Auf der gleichen Fläche könnte man bei konventionellem Anbau also mehr ernten und würde so das Klima schonen, da man ja zum Beispiel weniger Strecke mit dem Trecker ­zurücklegt. Was ist da dran? Ja, im Schnitt macht die Lücke 25 Prozent aus. Bei Weizen in manchen Hochertragsregionen sind es auch mal 50 Prozent, bei Futterleguminosen wie Ackerbohne und Kleegras ist der Ertrag in etwa gleich. Auf den ersten Blick verhagelt dieses Ernte-Minus die Klimabilanz des Bio-Landbaus. In einem Langzeitfeldversuch in der Schweiz haben wir aber kürzlich festgestellt, dass die Treibhausgas-Emissionen pro Hektar auf den Bio-Parzellen so gering waren, dass sie in Bezug aufs Klima besser abschnitten – obwohl weniger geerntet wurde. Und dann darf man ja nicht nur auf den Kornertrag schauen: Man spart viel Geld, wenn man die Ökosystem-Dienstleistungen des Bio-Landbaus betrachtet. Bio-Böden speichern oft mehr Wasser und leisten so Hochwasserschutz.

Kommen wir vom Feld in den Stall. Ein Beispiel sind ja immer die Kühe, die durch ihre Methan-Ausscheidungen schädliche Klimagase produzieren. Andererseits spielen Wiederkäuer im Bio-Landbau eine wichtige Rolle: als Düngerlieferant, zur Verwertung von Raufutter und zur Landschaftspflege … Die Wiederkäuer an sich sind nicht schuld an den hohen Methan-Emissionen, es ist unsere Art der Lebensmittelerzeugung: Die Kühe werden in der konventionellen Produktion neben Gras auch mit Körnern gefüttert – man nutzt also Ackerflächen für Viehfutter, auf denen man stattdessen Lebensmittel anbauen könnte. Kraftfuttererzeugung verursacht natürlich Energiekosten und Emissionen, was eine Ressourcenverschwendung darstellt, wenn die Futterration unausgewogen ist und die Lebensleistung der Kühe beeinträchtigt wird. Der Bio-Landbau stellt sich dieser Problematik, indem er eine bestimmte Mindestmenge an Raufutter, also Gras und Heu, vorschreibt.

Schweine und Geflügel können sich aber nicht nur von Heu und Gras ernähren. Wollen wir Nutztiere biologisch füttern und halten, bedeutet das geringere Tierbestände an Schweinen und Geflügel. Wir müssen unseren Fleischkonsum immens herunterschrauben, um Dauergrünland für die Wiederkäuer und Ackerflächen für die menschliche Ernährung zu sichern.

››› Gastbeitrag Magdalena Fröhlich

Andreas Gattinger leitet seit 2010 den Fachbereich Klima am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL). Zuvor arbeitete er an der Technischen Universität München sowie am Helmholtz Zentrum München. An der Universität Kassel absolvierte er den Diplomstudiengang Organic Agriculture, nachdem er eine Ausbildung zum Chemielaboranten gemacht hatte.