Bio-Landwirtschaft – ein kurzer geschichtlicher Abriss

Wir möchten Sie mitnehmen ins Jahr 1920, als sich die Bio-Landwirtschaft als Gegenentwurf zu einer zunehmend mit chemischen Hilfsmitteln betriebene Landwirtschaft entwickelte.

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Die Bio-Landwirtschaft als Gegenentwurf zu einer zunehmend mit chemischen Hilfs­mitteln betriebenen Landwirtschaft entstand Mitte der 1920er-Jahre, zeitgleich und unabhängig voneinander in Deutschland und in England.

Im Juni 1924 hielt Rudolf Steiner seinen Landwirtschaftlichen Kurs auf Gut Koberwitz bei Breslau, heute Polen. Wiederholt hatten Landwirte Steiner darum gebeten. Diese Bitten wurden drängender und schließlich entsprach Steiner ihnen. Die Landwirte sorgten sich um die Qualität des Saatgutes, die Gesundheit und Fruchtbarkeit des Viehs. Mediziner und Ernährungsfachleute fragten nach Zusammenhängen zwischen Nahrungsmittelqualität, Ernährung und menschlicher Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Um die Produkte kenntlich zu machen, wurde 1928 das Zeichen "Demeter" geschaffen.

Seit etwa zehn Jahren erst standen mittels Haber-Bosch-Verfahren großtechnisch erzeugte Stickstoffsalze zur Verfügung. Im Ersten Weltkrieg hatte man so Sprengstoff erzeugt; für die zivile Nutzung produzierte man nun Dünger. Den stets knappen Stickstoff hatte ein Landwirt bis dahin durch den Mist seiner Tiere und durch Leguminosen in der Fruchtfolge erhalten. Leguminosen, zum Beispiel Klee, Luzerne, Erbsen oder Bohnen, binden dank Symbiose von Knöllchenbakterien mit ihren Wurzeln Luftstickstoff biologisch. Mineralischer Stickstoffdünger stand jetzt billig und in großen Mengen zur Verfügung. Seine Wirkungen auf das pflanzliche Massewachstum waren sofort augenscheinlich. Unerwünschte Wirkungen auf die Abwehrkraft der Pflanzen gegen Bakterien, Pilze und Schadinsekten wurden allmählich deutlich. Hier setzten die Fragen der Gründerväter und -mütter der Bio-Landwirtschaft an.

Ähnliche Beobachtungen trieben in England Mitte der 1920er-Jahre die Gutsherrin Lady Eve Balfour um, die mit gleichgesinnten Fachleuten aus Landwirtschaft, Medizin und Ernährung arbeitete. Sie entwickelten die Methoden des ­organic farming. Erkenntnisse zur Kompostierung von pflanzlichen Abfällen, die Sir Albert Howard publiziert hatte, bildeten eine Grundlage ihrer Arbeit.

Der Schweizer Hans Müller arbeitete zunächst biologisch-dynamisch und wandte sich in den 1930er-Jahren politischen Fragen zu; er wollte die Unabhängigkeit der Bauern stärken. So schuf er gemeinsam mit seiner Frau Maria sowie dem Arzt und Mikrobiologen Hans-Peter Rusch die Grundlagen der organisch-biologischen Landbewirtschaftung (sie arbeitet ohne die biodynamischen Präparate). Wie die Biodynamiker in Deutschland und die Gruppe um Lady Eve in England auch, verzichtete man auf mineralischen Stickstoff in Landwirtschaft und Gartenbau und betonte die Bedeutung der organischen Düngung und bewussten Pflege der Bodenfruchtbarkeit, für die eine vielfältige Fruchtwechselwirtschaft wichtig ist.

Rühren der biodynamischen Präparate

Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchsen die Erwerbsmöglichkeiten außerhalb der Landwirtschaft und die Arbeitskräfte verließen in großer Zahl diesen Sektor. In der Landwirtschaft wurde die Rationalisierung mit technischen und chemischen Mitteln entschieden vorangetrieben. Betriebe und Felder wurden größer, immer ausgeräumter wurden die Landschaften. Die Chemisierung der landwirtschaftlichen Erzeugung setzte der biologischen Vielfalt bei Insekten, Vögeln, Pflanzen spürbar zu. Das Unbehagen wacher Zeitgenossen nahm zu, kritische Wissenschaftler zeigten negative Folgen des großflächigen Agrochemie-Einsatzes auf, Rückstände in den Nahrungsmitteln wurden nachgewiesen, schädliche Folgen von deren Verzehr erkannt.

Seit den 1960er- und 1970er-Jahren machte sich, ausgehend von den USA, eine grüne, alternative Bewegung bemerkbar. Ihr ging es sowohl um alternative Lebensformen wie um eine andere Art der Landwirtschaft. Hatte es in den 1970er-Jahren in Deutschland nur gut 300 Bio-Landbau-Betriebe gegeben, so stieg deren Zahl bis Ende der 1980er auf 2 500 (heute über 23 000). Politik, Beratung und Agrarverwaltung standen dem Bio-Landbau damals äußerst kritisch, ja in vielen Fällen feindselig gegenüber. Die wenigen alten Bio-Bauern galten "nur" als rückwärtsgewandt, verschroben oder weltflüchtig. Die aus dem studentischen Aussteigermilieu stammenden neuen Bio-Bauern dagegen waren als antibürgerliche, linke Revoluzzer verdächtig.

Doch die negativen Folgen der konventionellen Agrarwirtschaft auf Umwelt und Erzeugnisqualität ließen sich auf Dauer so wenig leugnen wie das wachsende Überschussproblem durch agrarpolitische Fehlsteuerung in der Europäischen Gemeinschaft. 1989 benannte die EG das Umstellen auf Bio-Landbau als staatlich geförderte Methode der Agrarextensivierung zur Reduzierung von Überschüssen und beschrieb in knappen Worten die Bio-Landwirtschaft so wie die Bio-Bauern selbst in ihren Richtlinien: kein mineralischer Stickstoff, keine Agrochemie, Fremdinputs nur gemäß eng begrenzter Positivliste, unabhängige Kontrolle, Kennzeichnung der Produkte. Eine Umstellungswelle setzte ein.

1991 erließ die Europäische Gemeinschaft die Bio-Verordnung, die den Bio-Landbau, seine Kontrolle sowie die Kennzeichnung der Produkte umfassend regelt. Die Vorgaben folgten den in der Bio-Branche etablierten Regeln. Die internationale Vertretung der Bio-Landbauern (IFOAM – International Federation of Organic Agriculture Movements) hatte in Brüssel in fünf Jahre dauernden Verhandlungen "ihre" Verordnung erreicht. Fairer Wettbewerb und Verbraucherschutz waren zentrale Motive; die positiven Umweltwirkungen wurden erwähnt und im Laufe der folgenden Jahre als Argument gewichtiger.

Kaum war die EG-Bio-Verordnung erlassen, schon versachlichte sich der Fachdiskurs; Verwaltung, Beratung und Wissenschaft nahmen sich des Themas an. Inzwischen kommt keine Agrar-Universität oder -Fachhochschule in Deutschland mehr ohne Vorlesungsreihe zum Bio-Landbau aus oder sie verfügt über einen entsprechenden Lehrstuhl. Die Themen der Bio-Bauern – Bodenfruchtbarkeit, Nahrungsmittelqualität, Biodiversität und Schutz der Umwelt – sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Über Mittel und Wege, das nötige Tempo und die erforderliche Intensität der Entwicklung, über Kosten, Lasten und Verantwortungsträger wird nach wie vor gestritten. Deutschland weist heute über eine Million Hektar Bio-Flächen aus, mehr als 23 000 Bio-Bauernhöfe, etwa sechs Prozent der Fläche und acht Prozent der Landwirte sowie einen Anteil am Lebensmittelmarkt von acht Milliarden Euro beziehungsweise 4,5 Prozent.