Gemeinsam Boden gut machen

"Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in die Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen." (1. Buch Mose 2)

Hand mit Regenwürmern

Schon in der Bibel wird der Boden als Grundlage des menschlichen Lebens gesehen. Auch in unserer Sprache, genauer im Begriff "Mutter Erde", kommt die Bedeutung des Bodens als Ursprung des Lebens klar zum Ausdruck. Boden ist die lockere, oft nur einige Zentimeter dicke Humus- und Verwitterungsschicht der äußeren Erdkruste. Doch in ihm geschehen unendlich viele chemische, biologische und physikalische Prozesse; er ist voller Lebendigkeit. "Leben" heißt im Griechischen "Bios". Und tatsächlich können wir uns den Bio-Boden als besonders lebendige Erde vorstellen, als wertvolles Gut, das es zu erhalten und auszubauen gilt. Doch wie sieht es mit dem Bio-Boden in der Realität in Deutschland aus? Ein Blick auf die nackten Zahlen ernüchtert.

In Deutschland gibt es rund 23.000 Bio-Betriebe. Damit diese Zahl eine Dimension zur Orientierung erhält: In Österreich, einem Land, das zehnmal weniger Einwohner hat als Deutschland, gibt es fast ebenso viele Betriebe, die nach den Grundsätzen des biologischen Landbaus wirtschaften. Zwar ist der durchschnittliche deutsche Bio-Bauer größer als seine Kollegen in Österreich. Doch dadurch wird der Vergleich mit Deutschland nicht weniger dramatisch. Während es in Deutschland rund eine Million Hektar ökologisch bewirtschaftete Flächen gibt, sind es in Österreich gut eine halbe Million Hektar. Anders formuliert: Würde man die Gegebenheiten Österreichs auf Deutschland übertragen, hätte Deutschland rund fünf Millionen Hektar biologisch bewirtschaftete Ackerfläche. Das bedeutet, es fehlen vier Millionen Hektar bei diesem Vergleich.

Was sind nun die Gründe dafür, dass Deutschland zu wenige Bio-Betriebe hat? In den letzten zehn Jahren sind rund 6.000 Bio-Bauern ausgestiegen. Ein Teil davon wurde zu sogenannten Rückumstellern; sie wirtschaften wieder konventionell. Ein Grund ist, dass für einen Teil der Bio-Bauern die Marktsituation nicht zufriedenstellend ist. Der Erzeugerpreis, also jener Preis, den die Bio-Bauern für ihre Leistung erhalten, ist im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft zu gering. Ein anderer, ebenso wichtiger Grund ist die zunehmende Verwendung von Bodenflächen für die ­Erzeugung von "Non-Food", also zum Beispiel Energie, Treibstoff oder Tragetaschen, um nur einige zu nennen. Die deutsche Politik fördert Biogasanlagen – eine gute Einnahmequelle für konventionell wirtschaftende Bauern. 1990 gab es rund 100 Biogasanlagen in Deutschland, heute sind es etwa 8.000. Für den Betrieb dieser Anlagen benötigt man Energiepflanzen, die nicht für den Verzehr angebaut werden. Die wichtigste Pflanze für diese Form der Landwirtschaft ist der Mais. Und dieser benötigt Boden, um angebaut zu werden. Dies wiederum hat zur Folge, dass die Pachtpreise in Deutschland für den Boden enorm gestiegen sind. Bio-Bauern können da kaum mehr mithalten, während jene Landwirte, die durch die staatlichen Förderungen subventioniert werden, wesentlich höhere Pachtpreise bezahlen können.

Es wäre aber zu einfach, allein die staatliche Förderpolitik für die zu geringe Anzahl der Bio-Bauern verantwortlich zu machen. Ein weiterer, sehr wesentlicher Grund ist die zunehmende Versiegelung des Bodens: In Deutschland verlieren wir pro Sekunde knapp zehn Quadratmeter Fläche, beispielsweise aufgrund des Baus von Straßen, Wohnungen oder Freizeiteinrichtungen. Kurzum: Es gibt eine Reihe von Gründen, warum die Anzahl der Bio-Bauern in Deutschland zu gering ist. Wenn hier nichts unternommen wird und die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln weiterhin steigt, was zu hoffen und anzunehmen ist, gibt es zwei mögliche Zukunftsszenarien. Erstens: Die Nachfrage kann nicht mehr bedient werden und die Kunden stehen vor leeren Regalen im Handel. Oder zweitens: Das fehlende Angebot wird durch vermehrten Import ausgeglichen. Beide Szenarien sind nicht erstrebenswert.

Daher hat sich Alnatura entschieden, tätig zu werden, und hat gemeinsam mit dem Deutschen Naturschutzring (DNR) die Alnatura Bio-Bauern-Initiative ins Leben gerufen. Unter dem Motto "Gemeinsam Boden gut machen" sollen vermehrt konventionelle Bauern zur Umstellung auf die biologische Landwirtschaft motiviert werden. Das Motto bringt zwei wesentliche Gedanken auf den Punkt: Einerseits soll, ganz im Wortsinn, durch die biologische Wirtschaftsweise der Boden verbessert werden, da hier auf den Einsatz chemisch-synthetischer Dünge- und Spritzmittel verzichtet wird. Andererseits zeigt es auf, dass Deutschland in Sachen Bio-Landbau noch einiges aufzuholen hat.

››› Robert Poschacher, Bereichsverantwortlicher Produktmanagement bei Alnatura