Weideschuss

Verantwortung bis zum Schluss

Weideschuss – dahinter stehen rund zwanzig Allgäuer Bio-Heumilchbauern, denen es darum geht zu zeigen, dass Mensch und Tier menschheitsgeschichtlich zusammengehören und wir deshalb eine Verantwortung für unsere Nutztiere haben. Und diese endet für sie nicht bei Aufzucht und Haltung, sondern schließt auch den Moment des Sterbens mit ein.

Ein Kommentar von Matthias Fuchs

Ich möchte diesem Beitrag einige Dinge vorausschicken: Auch wer keine tierischen Produkte wie Fleisch, Milch, Käse, Eier oder Honig isst, wer meint, dass Weiden oder Almen nicht beweidet werden sollten, und auch keine Kleidung oder Schuhe aus tierischen Materialien wie Leder, Daunen oder Wolle trägt, sollte diesen Beitrag vielleicht trotzdem lesen. Denn Weideschuss und die Hofschlachtung stehen für mehr Tierwohl und mehr Respekt vor dem Leben von Nutztieren.

Bei Weideschuss werden Rinder aufgezogen, getötet und schließlich zu Fleischgerichten verarbeitet. So wie es millionenfach jeden Tag auf der Welt und in Deutschland passiert. Allerdings mit einem großen, entscheidenden Unterschied: der Tötung auf der Weide und nicht erst im Schlachthof. »Warum der Name Weideschuss?«, frage ich den Bio-Landwirt Franz Berchtold, einer der Gründer der Weideschuss.Bio GmbH. Zusammen stehen wir frühmorgens auf der Weide inmitten seiner Rinder unweit des Ortes Legau im Allgäu. »Weil wir eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Thema wollen«, antwortet er. »Jedes Nutztier muss irgendwann sterben. Aber es soll in Würde sterben und vor allem seine Lebenszeit möglichst artgerecht verbringen. Warum soll es auf den letzten Metern seines Lebens mit gruppenfremden Tieren zum Schlachthof gebracht werden und womöglich dadurch Stress ausgesetzt werden?« Er ist überzeugt: »Rinder sind Gewohnheitstiere, sie lieben die immer gleichen Abläufe. Tiertransporte sind das komplette Gegenteil davon.«

Auch das Online-Portal für nachhaltige Kaufberatung utopia widmete sich dem von Alnatura in die Öffentlichkeit gebrachten Thema »Weideschuss« und kommentierte insbesondere den Transport zum Schlachthof folgendermaßen: »Die Tierschutzorganisation ProVieh kann das bestätigen. Denn vor allem durch den Wegfall des Transportes werden die Tiere weniger gestresst.«

»Ethisch vertretbarste Methode«

Während Franz Berchtold mit mir spricht, streichelt er eines seiner rund 65 Rinder: eine zwölf Jahre alte Kuh, die in ihrem Leben bereits neun Kälber zur Welt gebracht hat. »Wir lieben unsere Tiere, darum töten wir sie auf diese Art und Weise, um ihnen den allerwenigsten Stress zu bereiten«, sagt der Bio-Landwirt. Nämlich: auf der Weide, wo die Tiere täglich von Frühjahr bis zum Anbruch des Winters grasen. Mittels eines schallgedämpften Gewehrs stirbt das Tier in der Sekunde, in der das Projektil in den Kopf eintritt. Die anderen Rinder grasen davon unbehelligt weiter. Franz Berchtold erklärt, dass maximal drei Rinder an einem Tag auf der Weide getötet werden dürfen. Beim Schuss muss immer eine Tierärztin oder ein Tierarzt anwesend sein.

Später lese ich, dass viele Tierorganisationen es erstrebenswert finden, dass mehr Viehwirtinnen und -wirte auf hofeigene Schlachtung umstellen. Dass das nicht häufiger praktiziert wird, hängt weniger an den Bio-Höfen als an den Mühlen der Verwaltung, denn die meisten Veterinärämter erteilen bisher nur im Einzelfall eine Genehmigung für einen Weideschuss oder die eigene Hofschlachtung. Allerdings ist seit dem 9. September 2021 die »Hofnahe Schlachtung« Bestandteil der EG-Verordnung 853/2004 und damit werden zum ersten Mal Aspekte des Tierschutzes in den Hygienevorschriften (Schlachthygiene) berücksichtigt. Damit existiert nun eine rechtlich abgesicherte Grundlage für beantragende Landwirtschaftsbetriebe und die genehmigenden Veterinärbehörden – ein Verdienst deutscher Landwirtinnen und Landwirte, zu denen unter anderem auch Herbert Siegel (Entwickler der Schlachtbox und Mitgesellschafter der Weideschuss.Bio GmbH) zählt. Sowohl bei der hofeigenen als auch der hofnahen Schlachtung gibt es keine Lebendtiertransporte, den Tieren wird so viel Stress erspart.

Für Franz Berchtold ist der Weideschuss die »ethisch vertretbarste Methode« der Tötung. »Die Tiere sterben dort, wo sie gelebt haben – in der Herde.« Und wer schießt? »Ein Jäger muss dafür eine Zusatzqualifikation erwerben. Diese kann ein Landwirt aber auch erlangen.« Und was passiert dann? »Dann kommen wir mit einem speziellen Transporter und legen das am Boden liegende Rind da rein. In eine mobile Schlachtbox. Darin blutet das Tier aus, ehe wir es ins nahe gelegene Schlachthaus bringen. Das ist Vorschrift.«


Es geht um Ehrlichkeit

Ich hätte mir den Akt des Weideschusses persönlich für diesen Beitrag angeschaut, aber Franz Berchtold und seine Mitstreiter wollten das nicht: »Das spüren die Rinder. Sie sind sehr sensibel, wir wollen ihnen jeden Stress nehmen.«

Wie kam es eigentlich zu dem expliziten Namen »Weideschuss«, frage ich. »Wir beteiligten Bio-Landwirte haben zwei Jahre über den Namen nachgedacht«, erzählt mir Franz Berchtold. »Wir wollten keine Verschleierung à la ›Weidegourmet‹, obwohl unser Fleisch Gourmetfleisch ist.« Der Ausschlag für den Namen kam dann aus unerwarteter Richtung: »Die Damen im Büro der Werbeagentur – allesamt Veganerinnen und Vegetarierinnen – zuckten zunächst zusammen, als wir den Namen vorschlugen. Aber nach einem halben Tag haben einige von ihnen gesagt, sie würden vielleicht auch mal wieder Fleisch essen, wenn sie wüssten, dass das Tier so gelebt hat und auf diese Weise getötet wurde.«


Mutter und Kalb bleiben zusammen

Die Rinder aller beteiligten Allgäuer Bio-Betriebe grasen den Großteil des Jahres auf der Weide oder bekommen im Winter im Stall das Heu von den hiesigen Wiesen. Die Milch, die die Kühe geben, bildet die Basis für den aromatischen Heumilchkäse, den es lokal und in ausgewählten Alnatura Märkten unter der Marke Bio-Schaukäserei Wiggensbach zu kaufen gibt. »Wir hören immer wieder von Kundinnen und Kunden, dass sie die Heumilch besser vertragen«, berichtet Franz Berchtold.

Damit eine Kuh Milch geben kann und ihre Milchproduktion nicht nach spätestens zwei Jahren versiegt, muss sie mindestens einmal im Jahr ein Kalb zur Welt bringen. »Bei der konventionellen Tierhaltung werden die Kälber von der Mutter getrennt und häufig direkt nach der Geburt weggegeben«, sagt Franz Berchtold. Auch bei Bio-Milchkühen ist die sogenannte »kuhgebundene Kälberaufzucht« nicht vorgeschrieben. Bei Weideschuss hingegen haben die Jungtiere mindestens drei Monate engen Kontakt zu Muttertieren. Sie dürfen zweimal täglich zur Kuh und sich in den ersten sechs Wochen komplett satt trinken. Nach einem allmählichen Prozess der Entwöhnung fressen sie Gras oder Heu und kommen in den Herdenverband. »Einige von ihnen wachsen zu Milchkühen heran, andere werden entweder als Kälber, Jungbullen oder als Färse (geschlechtsreifes Rind bis zur ersten Kalbung) geschlachtet und beispielsweise zu den bei Alnatura angebotenen Bio-Rindfleischgerichten verarbeitet.«

Ich möchte von Franz Berchtold wissen: Werden die Kälber auch durch einen Weideschuss getötet? »Nein, sie werden bei uns auf dem Hof geschlachtet und konform zum geltenden Recht mit einem Bolzenschussgerät betäubt. Wir können nicht alle Kälber mitaufziehen. Herden haben natürliche Grenzen, auch das gilt es zu respektieren. Ein Überbesatz an Rindern wäre schädlich für das intakte Ökosystem unserer Weidelandschaft. Wären wir nicht, würden die Kälber dem Wolf oder Bären zum Opfer fallen. Zumindest war es in der Natur einmal so, bevor der Mensch in das System eingegriffen hat und angefangen hat, Nutztiere zu halten, Ställe zu bauen und so weiter.«

Würden wir sie nicht züchten, würden sie auch nicht leben

Franz Berchtold vertritt eine klare Position in Bezug auf Viehhaltung für Milch und Fleisch: »Ein Tier, das nicht gelebt hat, hat auch nichts von sich gehabt. Wenn ich höre: Melken und Milchtrinken wären Ausbeutung. Damit spreche ich dem Tier das Recht ab, hier zu leben! Das Tier wird bei uns umsorgt. Ein Rind lebt auch nicht ewig. Kein Lebewesen tut das. Und würde es in der Wildpopulation leben, würde es vielleicht im Alter elendig zugrunde gehen. Das könnte in der freien Natur Tage oder gar Wochen dauern, das Tier würde leiden. Einem leidenden Pferd gibt man den Gnadenschuss. Wir würden das definitiv auch machen, wenn es so wäre. Aber wir lassen es ja so weit nicht kommen.«

Nach einem langen Tag voller Gespräche mit Franz Berchtold und seinen Mitstreitern, Zeit auf der Weide und beim abendlichen Melken im Stall fahre ich durch das hügelige Allgäu, eine von Mensch und Tier gleichermaßen geschaffene, bäuerlich geprägte Kulturlandschaft voller Wiesen, Weiden, Weiher, kleiner Wäldchen und dahinter herausragender Kirchtürme samt Bauerndörfern. Und immer wieder stehen grasende Rinder in der Landschaft und erfüllen diese mit ihrem Glockengebimmel. Ich finde es mutig von Franz Berchtold und den anderen Allgäuer Bio-Heumilchbauern, dass sie ihre Produkte »Weideschuss« nennen, in einer Zeit, in der vieles so benannt wird, dass es bloß das eigene Gewissen beruhigt. Vor Augen sehe ich Franz Berchtold in Gummistiefeln am Abend im warmen Stall, inmitten der muhenden Rinder und Kälber. Nichts scheint ihm zu viel. Auch nicht, seinen Tieren einen schnellen, möglichst stressfreien Austritt aus dem Leben zu geben. Er trägt Verantwortung aus Respekt und somit Verantwortung bis zum Schluss.

Fotos: Matthias Fuchs