Mein Gemüsegarten im Mai

Der Mai, so lieblich und hoffnungsfroh er sich auch zeigen mag, ist für Gärtner mitunter ein tückischer Monat.

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Die Frühblüher haben sich verzogen, Akelei und Tränendes Herz strahlen um die Wette, der Rhabarber ist im besten Erntestadium – mein Garten ist also längst aus seiner Winterruhe erwacht. Und doch: "Der Mai, zum Wonnemonat erkoren, hat den Reif noch hinter den Ohren", so eine alte Bauernregel. Während im April gesäte Erbsen-, Kohlrabi- oder Spinatpflanzen gern schon ihr zartes Grün durch die Erde schieben, heißt es für manch anderes Gemüse: die Eisheiligen abwarten. In diesem Zeitraum vom 11. bis 15. Mai wird eigentlich fünf frühchristlicher Bischöfe und Märtyrer gedacht. Wetterstatistiken zeigen aber auch, dass sich an diesen Tagen der Winter noch einmal aufbäumen und Frost und Hagel senden kann. Muss nicht, kann aber! Und es ist ein bitterer Moment, wenn man am Morgen Frostreif auf den Dächern sieht – für zarte Tomaten-, Gurken- oder Kürbispflanzen im Freiland der Garaus. Hier spricht leider die eigene Erfahrung! Besonders groß ist das Unglück eines späten Frosts, wenn die Kartoffeln schon ihr Laub zeigen. Ist dieses einmal erfroren, dann wird nichts aus einer Ernte der stärkereichen Knolle.

Auch kommt mir Großmutters Spruch in die Ohren: "Legst du die Kartoffel im April, kommt sie, wann sie will. Legst du sie im Mai, kommt sie glei." Nicht jeder Gartenratgeber sieht das so, doch ich halte mich daran. Und welche Kartoffeln? Die übriggebliebenen, längst schrumpeligen Kellerexemplare aus der letzten Ernte? Fachleute raten ab. Man kennt 260 Kartoffelkrankheiten; Viren, Bakterien und Co. können unbemerkt über die Knollen in die Erde gelangen. Ein Befall der Jungpflanzen ist dann wahrscheinlich. Für ausgewiesene Pflanzkartoffeln kommen nur rundum gesunde Knollen infrage. Ich habe mir in diesem Jahr eine Gewinnerin ausgesucht, die "Heideniere" – Kartoffel des Jahres 2015.

Die Pflege des Kartoffelackers ist dann Kindersache. Kein Kinderspiel, wohlgemerkt, sondern eine aufwendige Angelegenheit. Immer wieder müssen Unkräuter gezupft und um die Pflanzen kleine Hügel geschaufelt werden. So bleibt es für die ursprünglich südamerikanische Kartoffel warm und lichtgeschützt. Das ist wichtig, denn nur so wird die Bildung des gesundheitlich kritischen Solanins vermieden. Den Kindern ist das eigentlich egal – ihre Motivation: das Lagerfeuer im Oktober mit Stockbrot und frisch geernteten Kartoffeln. So schafft es dieser kleine Garten, dass wir uns schon im schönsten aller Monate auch ein bisschen auf den Herbst freuen.

››› Anja Waldmann arbeitet seit mehr als 15 Jahren bei Alnatura. Die Mutter von drei Kindern hat einen kleinen Garten, der alles kann: entzücken, beruhigen und doch auch immer wieder zeigen, wie viel Arbeit so etwas macht.