Vandana Shiva - Die indische Mutter Courage

Die indische Umweltaktivistin Vandana Shiva und ihr Einsatz für eine nachhaltige Landwirtschaft.

Alles begann an einem Fluss. Bevor die heute 58-jährige Inderin Vandana Shiva für ihr Studium nach Kanada ging, wollte sie noch einmal den Fluss besuchen, an dessen Ufer sie sich als Kind immer gerne aufgehalten hatte. Doch als sie dort ankam, war der Fluss nicht mehr da, er war ausgetrocknet. In diesem Moment begriff die junge Inderin, dass die Welt sich verändert, dass natürliche Ressourcen und natürliches Wachstum begrenzt sind. Sie verstand, dass die Umwelt nicht unbeschadet bestehen konnte, wenn die Menschen sich nicht für sie einsetzten. Zu diesem Zeitpunkt beschloss Vandana Shiva, sich selbst aktiv für die Umwelt einzusetzen.

Zunächst studierte Vandana Shiva Physik. Zurück in Indien etablierte sie sich als eine der führenden Physikerinnen des Landes, bis sie erkannte, dass ihr Weg ein anderer sein würde. "Die vorherrschende Wissenschaft und Technologie dient den Interessen der Mächtigen", kritisiert sie. Doch sie selbst wollte einen anderen Weg gehen und seit vielen Jahren kämpft Shiva für die Umwelt, eine nachhaltige Landwirtschaft und gegen genmanipulierte Nahrung. Vieles müsse sich ändern, findet Shiva. Es sei schlimm mitanzusehen, dass Konzerne wie Monsanto den Weltmarkt für Saatgut bestimmen. Zu genmanipuliertem Saatgut sagt sie kurz und knapp: "Das ist kein Erzeugnis, das ist Verschmutzung. Anstatt die Konzerne mit einem Patent zu belohnen, sollten sie bestraft werden, weil sie unsere Nahrungskette verunreinigen."

Vandana Shiva , die Frau mit dem Bindi auf der Stirn, gehüllt in einen seidenen Sari, spricht mit einer tiefen, kräftigen Stimme. Während sie spricht – über die Ungerechtigkeit, die den Bauern widerfährt, über Pestizide, die Tiere und Menschen vergiften – lächelt sie aber immer wieder. Denn sie ist trotz allem optimistisch und glaubt daran, dass sich diese Zustände durch couragierten Einsatz auch wieder zum Guten wenden lassen.

Dieser Optimismus treibt sie schon lange an: Vor 20 Jahren rief sie die Organisation "Navdanya" – auf deutsch "Neun Saaten" – ins Leben. Es war ein Protest gegen den Versuch von Unternehmen, Saatgut, Nutzpflanzen und Lebensformen zu patentieren. Vandana Shiva sagt, es sei eine Unart, Menschen so abhängig zu machen. Denn dieses Saatgut könne nur in Kombination mit teuren und speziell darauf abgestimmten Düngemitteln gedeihen. Und das Schlimmste: Die Bauern müssten jedes Jahr neues Saatgut kaufen, anstatt einen Teil der geernteten Samen aufzubewahren, um diese im nächsten Jahr auszusäen. Aus der Organisation Navdanya entwickelten sich in ganz Indien 46 sogenannte Saatbanken, die biologisch wirtschaftende Landwirte unterstützen. Shiva hofft, dass die Bauern so nachhaltig Landwirtschaft betreiben können. Für die Inderin liegt der Schlüssel zur künftigen Landwirtschaft darin, sich wieder auf das Ursprüngliche zu konzentrieren.

Das anzubauen, was schon immer in der Region gewachsen ist. So will sie versuchen, die Auswirkungen der sogenannten "Grünen Revolution", die in Indien auf Druck der Weltbank und US-Hilfsorganisationen durchgesetzt wurde, zu mildern. Grüne Revolution – das klingt eigentlich positiv, und so wurde auch dafür geworben. Mit Werbebildern beispielsweise, auf denen ein Saatkorn zu sehen war, um das sich grüne Blätter rankten. Tatsächlich entstanden im Zuge dieser "Revolution" aber Weizen- oder Reis-Monokulturen auf Feldern, die dafür nicht geeignet waren. Mehr Pflanzenkrankheiten waren die Konsequenz, ebenso wie eine schrumpfende Vielfalt. Auch für die indischen Bauern waren die Folgen gravierend: Sie gerieten in Abhängigkeit von den großen Unternehmen, viele hatten Missernten, konnten ihre Familien nicht mehr ernähren. Den traurigen Höhepunkt erreichte die Situation zu Beginn dieses Jahrtausends, als sich eine Reihe der betroffenen Bauern aus Verzweiflung über ihre Lage das Leben nahm. Vandana Shiva hofft, mit ihrer Arbeit den Bauern in Indien Mut zu machen und sie davon zu überzeugen, Pflanzen wieder auf natürliche Weise anzubauen.

Shiva setzt sich auch stark für die Rechte von Frauen in der Dritten Welt ein und gilt als eine der Mitbegründerinnen des sogenannten "Ökofeminismus". Schon in den 1970er-Jahren hatte sie sich in der Chipko-Bewegung engagiert. Der ersten indischen Umweltbewegung, in der sich vor allem Frauen an Bäumen festketteten, um deren Abholzung zu verhindern. 1993 erhielt Vandana Shiva für ihr umfassendes Engagement den Right Livelihood Award ("Alternativer Nobelpreis"). Die Jury lobte ihren Einsatz, der Frauen und Ökologie ins Zentrum der modernen Entwicklungspolitik stellt. Gerade in Indien, wo Frauen oft als minderwertig angesehen und an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, sei Shivas Arbeit wichtig. Vandana Shiva glaubt an eine positive Zukunft. Aber sie sagt, dass dafür eine Abkehr vom Wachstumswahn nötig ist. Höher, schneller, weiter – in einer begrenzten Welt an unbegrenztes Wachstum zu glauben, das sei fatal.

››› Gastbeitrag Natalia Lucic, Schülerin der Deutschen Journalistenschule in München

Der Alternative Nobelpreis

Im letzten Jahr feierte der Right Livelihood Award, auch Alternativer Nobelpreis genannt, seinen 30. Geburtstag. Für einige Schülerinnen und Schüler der renommierten Deutschen Journalistenschule in München (DJS) ein würdiger Anlass, sich genauer mit einigen der Vordenker für eine nachhaltige Entwicklung und deren konstruktiven Umsetzungen zu beschäftigen.