22.02.2017

Palmöl: In der Zwickmühle?

Gibt es für Palmöl sinnvolle Alternativen? Wie kann man sich als Verbraucher verhalten? Eine aktuelle Studie des WWF kommt zu überraschenden Ergebnissen.

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Orang Utans, denen buchstäblich der Baum unter den Füßen weggesägt wird, Urwälder, die nur noch aus qualmenden Stümpfen bestehen und Dorfbewohner, die für riesige Plantagen vertrieben werden. Solche Bilder tauchen beim Stichwort Palmöl schnell auf. Denn immer wieder berichten Medien über die Schattenseiten des Palmölanbaus, und genauso oft schüttelt man als Leser ob dieses ökologischen Kahlschlages den Kopf. Die nützliche Seite des Palmöls freilich, die praktisch jeder von uns täglich erfährt, kennen weitaus weniger Verbraucher. Laut >>Greenpeace und >>WWF befindet sich in jedem zweiten Supermarktprodukt Palmöl: In Lebensmitteln und Kosmetika, in Wasch- und Reinigungsmitteln. Auch in sogenanntem "Biodiesel", in Futtermitteln und in pharmazeutischen Produkten – Palmöl ist omnipräsent und nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken. Wirklich?

Weshalb steigt man nicht auf andere pflanzliche Öle um? Weshalb nicht Alternativen nutzen und so den klima- und umweltschädlichen Urwaldrodungen Einhalt gebieten?
 
Dieser Frage ist der WWF im Sommer 2016 in einer wissenschaftlichen Studie nachgegangen. Darin wird untersucht, ob und mit welchen Effekten der jährliche Palmölverbrauch in Deutschland von rund 1,8 Mio. Tonnen durch andere pflanzliche Öle kompensiert werden kann. Die überraschende Erkenntnis: Der Ersatz durch Kokos-, Soja-, Sonnenblumen- und Rapsöl hätte einen deutlich höheren Flächenbedarf zur Folge, die Treibhausgasemissionen stiegen an, und die Gefährdung von Tier- und Pflanzenarten nähme zu. Der Grund: Die Ölpalme hat einen fast fünfmal so hohen Flächenertrag wie Kokos, Raps und Sonnenblume. Folglich müssten viel größere Flächen als bisher bepflanzt werden. Auch in den Tropen, weil nur dort Kokosöl, das Palmöl am ähnlichsten ist, gewonnen werden kann.

Mehr Flächen – mehr Raubbau an der Natur?

So ein Szenario kann niemand befürworten. Ist der Palmölanbau also das kleinere Übel, und wir sollten weitermachen wie bisher? Auch das ist keine Option, denn das hieße den katastrophalen Status Quo in den Hauptanbauländern Indonesien und Malaysia zu zementieren. Ilka Petersen vom WWF Deutschland sieht die Situation nüchtern: "Es führt kein Weg daran vorbei, den Anbau von Ölpflanzen ausnahmslos umwelt- und sozialverträglicher zu gestalten. Gleichzeitig muss unser Bedarf drastisch gesenkt werden." Diese Doppelstrategie scheint die einzig sinnvolle Lösung zu sein. Mit dem >>Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO) ist ein erster Ansatz für eine möglichst nachhaltige Erzeugung gemacht. Dort arbeiten alle an der Palmölgewinnung beteiligten Organisationen und Unternehmen zusammen, auch der WWF. Inwieweit der RSPO-Standard tatsächlich eine nachhaltige Veränderung herbeiführt oder eher als Feigenblatt dient, wird in Fachkreisen kontrovers diskutiert.

Größere Hebeleffekte über Verbraucherverhalten

Umweltverbände halten eine Reduzierung des Palmölkonsums in Deutschland mittelfristig um 50 Prozent (WWF) oder gar um 60-80 Prozent (Robin Wood) für möglich. Allein durch ein Verbot von Palmöl als Biodiesel in Fahrzeugen und Kraftwerken könnte der derzeitige Verbrauch um rund die Hälfte reduziert werden. Doch der Ruf nach Verboten ist der Ruf nach dem Staat, und dessen Mühlen mahlen langsam. Also doch resignieren? Natürlich nicht, denn das bedeutete, die individuelle Verantwortung abzugeben. Jeder Verbraucher unterstützt durch jede Kaufentscheidung die dahinterliegenden Strukturen – und hat damit Einfluss.
Verändertes Verhalten von Erzeugern und Verwendern von Palmöl ist also dringend erforderlich. Auch angesichts der Prognose der Vereinten Nationen, wonach sich der Palmölverbrauch in den Industrieländern der Nordhalbkugel bis 2050 verdoppeln wird. Sie nimmt bereits konkrete Züge an: Im Kongobecken Westafrikas, nach dem Amazonas das wichtigste Regenwaldgebiet der Erde, sind die Planungen zur größten Palmölplantage Afrikas weit fortgeschritten – auf einer mehr als doppelt so großen Fläche wie München. Organisationen wie Greenpeace kämpfen auf politischer Ebene für die Abschaffung der Beimischungspflicht von Palmöl in Diesel. Was die Verbraucher im Alltag machen können, sagt Greenpeace-Kampaignerin Gesche Jürgens: "Wir raten dazu Bio-Produkte zu kaufen. Bei Bio-Palmöl hat man die größte Sicherheit, dass kein Raubbau an der Natur betrieben wird." Weitere Tipps finden Sie im Infokasten.



Sinnvoll Palmöl konsumieren

In der Küche: Bio-Lebensmittel verwenden, denn für Bio-Palmöl werden keine Urwälder gerodet. Ansonsten gilt:
  • Frische Lebensmittel kaufen
  • Weniger Fertiggerichte, mehr selbst kochen
  • Weniger Fettes, Süßes und weniger Fleisch kaufen
  • Die Apps "Codecheck" und "PoP" spüren Palmöl im Supermarktregal auf bzw. informieren über Produkte ohne Palmöl

Mit dem Auto: Weniger Auto fahren. Im Diesel ist Palmöl und im Benzin Ethanol aus Getreide beigemischt. Umweltverbände bezeichnen beide Beimischungen als ökologisch unsinnig.

Was bei Bio-Palmöl anders ist

  • Für Bio-Palmöl werden keine Urwälder gerodet
  • Bio-Palmbauern setzen keine Pestizide ein
  • Der Bio-Ölpalmenanbau trägt zum Erhalt der Bodenfruchtbarkeit bei
  • Die Produzenten von Bio-Palmöl übernehmen soziale Verantwortung für ihre Mitarbeiter und Bauern

››› Volker Laengenfelder