Die Kraft der Ideen

Prof. Dr. Götz E. Rehn, Gründer von Alnatura, zum Thema "Nachhaltigkeit neu denken"

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Wir stehen als Gesellschaft vor größ­ten Herausforderungen. Wir haben die Welt in den vergangenen Jahrzehnten radikal verändert. Ungewollt haben wir eine Komplexität geschaffen, die wir nicht mehr beherrschen. Zumindest können wir mit dem linearen Ursache-Wirkung-Denkmodell die vielfältigen und sich ständig wandelnden Zustände weder beschreiben noch nachhaltig vernünftig gestalten. Die Verfechter des alten, der Maschinenwelt entlehnten Denkmodells wollen sich wie bisher durch Reduktion der Komplexität helfen. Sie fürchten die entstehende neue Gestalt des Sozialen Organismus, weil er sich einer dirigierenden Führung entzieht. Denn er ist ein lebendiges Netzgebilde, das laufend neu gewoben und verknüpft wird. Jeder einzelne Mensch wirkt auf seine Art, an seinem Platz an dem Beziehungs- und Leistungsnetz durch seine Gedanken und Taten mit. Jeder ist Akteur und Nutzer in wechselnden Rollen und verschiedenen Netzwerken. Neu ist die Wirksamkeit des einzelnen Menschen. Befreit von alten Denkschablonen beginnen immer mehr Menschen, nach dem Sinn ihres Tuns zu fragen. Sie verfolgen neue Ideen und gründen neue Initiativen.

Im Wirtschaftsleben zeigt sich diese Entwicklung in einem radikalen Paradigmenwechsel. An die Stelle des nur nach ökonomischen Kategorien geformten "Zwecksystems" Unternehmen tritt der Soziale Organismus. Nicht eine "Maschine", sondern der sinnbestimmte Organismus ist das Vorbild für diese neue Zusammenarbeit im Unternehmen. Jeder Einzelne als "Unternehmer seines Lebens" und als ein "Organ" im Organismus Unternehmen ist selbstverantwortlich im Sinne des Ganzen für die Kunden tätig. Das System wird nicht von einigen wenigen gesteuert, sondern alle Mitglieder des Organismus navigieren an ihrer Stelle. Damit entsteht mehr Flexibilität und plastischere Reaktionsmöglichkeit auf neue Situationen. Diese Zusammenarbeit selbstständiger Menschen muss auf einer ganzheitlichen, also umfassenden Menschen- und Weltsicht basieren. Die soziale Innovation gründet auf einer erweiterten Denkerfahrung.

Diese Erfahrung kann jeder bei sich nachvollziehen.

Wir können beobachten, wie wir im Erkennen der Welt den Phänomenen Erklärungen in Form von Begriffen anbieten. Wir beobachten bestimmte Merkmale eines Gegenstandes. Wir bieten zum Begreifen eines Gegenstandes zum Beispiel den Begriff Glas an. Damit erschließt sich uns der Gegenstand und wir haben ihn erkannt.

Ein Beispiel für ein neues Begreifen von Phänomenen war zu seiner Zeit Kopernikus. Er hat im 16. Jahrhundert die damals bekannten Beobachtungen über den Kosmos und die Sterne neu in Verbindung gebracht und damit vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild geführt. Ein wahrlich radikaler Umbruch! Er hat bekannten Phänomenen neue Begriffe und Ideen angeboten und konnte damit die Phänomene neu und realitätsnäher begreifen.

Heute stehen wir meiner Auffassung nach vor einer vergleichbaren Transformation. Es ist der Übergang weg von der bisher als einzig heilbringend angesehenen Form des Wirtschaftens, die sich ganz dem finanziellen Erfolg verschrieben hat und den Menschen dieser Zielsetzung unterzuordnen versucht. An vielen Stellen sind die alten Denkmuster und Organisationsformen schon aufgebrochen und es kündigt sich eine neue Wirtschaftsweise an. Die alten Methoden sind nicht mehr in der Lage, die Komplexität der Wirtschaft zu managen. Diese Komplexität ist aber kein Naturereignis und auch nicht von Gott gewollt. Sie ist von uns Menschen gemacht. Jetzt gilt es, die Chancen, die in der neuen Situation liegen, zu erkennen und zu gestalten.

Angesichts neuer sozialer Formen sich entwickelnder Zusammenarbeit dürfen wir nicht den eigentlichen Sinn unseres Seins aus den Augen verlieren. Es ist der Impuls der Freiheit. Die Freiheit des Menschen im Sinne seiner Selbstentwicklung, die ihn immer fähiger macht, mit seinen Taten die Freiheitsentwicklung der Wesen, auf die sich seine Handlungen beziehen, zu fördern. Im Bio-Landbau geht es darum, dass der Boden verbessert wird, die Tiere artgerecht leben und die Pflanzen ihre besten Seiten zeigen können. Bei uns Menschen geht es darum, dass der Einzelne seine Wesensart möglichst frei entfalten lernt und immer sicherer seinen Lebensweg findet. In der Begegnung von Mensch zu Mensch ist das Anknüpfen an der Wesensart des anderen die Grundlage für ein verstehendes und förderliches Handeln.

Eine solche neu verstandene Nachhaltigkeit gründet auf einem ganzheitlichen Denken über Erde und Mensch. Das Ideal der Freiheit ist der Leitstern, der uns leuchtet und es ermöglicht, dass wir in der selbst geschaffenen, immer komplexeren Welt sozialer Gemeinschaften leben, die freie Individualitäten bewusst zeitgemäß gestalten.