Pflanze, Tier und Mensch

„… der Mensch ist zur Freiheit geboren, muss sie jedoch erst erwerben.“ Ein Gastbeitrag von Dr. Johannes Wirz, Biologe am Forschungsinstitut am Goetheanum in Dornach (Schweiz).

Ein Samenkorn lässt nur selten erraten, was aus ihm werden wird. In ihm sind zwei große Geheimnisse verborgen: die Kraft, aus der Samenwenigkeit eine ganze Pflanze, einen Busch oder gar einen Baum herauszutreiben, und die Potenz, unendlich viele verschiedene Formen hervorzubringen. Beide Eigenschaften verweisen auf eine Qualität, die jeder Pflanze eigen ist und als Ausdruck ihres Wesens bezeichnet werden kann. Sie verwandelt gemäß ihren inneren Gesetzmäßigkeiten Umgebungsqualitäten in Gestalt – Goethe hat die erste Eigenschaft als "Innere Natur" und die zweite als "Äußere Umstände" bezeichnet.

Da Pflanzen sich nicht fortbewegen können, müssen sie aus den jeweiligen Bedingungen das Beste machen. Licht, Kohlendioxid, Wasser und Mineralstoffe werden über die grünen Blätter und die Wurzeln aufgenommen. Pflanzen sind "Zeiger" für reiche oder arme, saure oder alkalische Böden, aber auch für Feuchte, Trockenheit, Licht oder Schatten.

So vielfältig sie sich entwickeln, so vielfältig sind auch ihre Gaben. Zuallererst und unbemerkt – weil unsichtbar – schaffen sie mit der Bildung von Sauerstoff im Blattgrün die unverzichtbare Lebensgrundlage für alle nicht pflanzlichen Lebewesen. Die grüne Blattmasse gibt reichlich Nahrung für viele Tiere, nicht nur für Kühe und andere Säugetiere, sondern auch für unzählige Kleinlebewesen. Die Blüten spenden Nektar und Pollen für Schmetterlinge, Bienen und andere Insekten. Samen und Früchte sind Nahrungsgrundlage für Vögel und kleine Säuger.

Seit den Anfängen der Pflanzenzüchtung im alten Persien sind alle diese Pflanzenorgane auch Lebensgrundlage für den Menschen: Blatt essen wir mit Salat und Spinat, Blüten mit Blumenkohl und Artischocke, Früchte und Samen mit Äpfeln, Birnen und Nüssen. Pflanzen sind nicht nur die großzügig Schenkenden, sie sind für ihr Wohl und ihre Erhaltung auf die bedürftigen Beschenkten, die Tiere, angewiesen. Der Fraß von Kühen und Schafen regt das Wachstum der Weiden an. Die Bestäubung sichert die Samenbildung und damit den Fortbestand unzähliger Pflanzenarten. Fische, Vögel und andere Tiere verbreiten die Samen in der näheren Umgebung und manchmal auch über weite Strecken in ferne Landstriche.

Bewegung ist Kennzeichen der meisten Tiere; sie setzt Wahrnehmungsorgane, Empfindungen, Triebe und Instinkte voraus. Nur zu bestimmten Zeiten wird das andere Geschlecht zum Partner, davor und danach ist es Teil einer Gemeinschaft oder Konkurrent. Der satte Löwe sieht zwar die Beute, aber er jagt sie nicht. Umgekehrt zeigt die Gazelle keine Scheu, nur wenige Meter entfernt an einem Löwenrudel vorbeizugehen, das eben gefressen hat – sie "weiß", dass im Augenblick kaum Gefahr droht. Doch auch das Umgekehrte gilt. Nicht jeder Instinkt und jeder Trieb kann befriedigt werden. Wie oft verliert eine Katze die Maus, die sie siegesgewiss ins Haus trägt. Wie oft verdursten Tiere, weil die Tränke leer und die nächste unerreichbar weit entfernt ist. Hans Jonas, der große Denker und Philosoph, hat einmal gesagt, dass Tiere "Leid" erfahren, ohne moralischen Beigeschmack und urbildlich sozusagen, einfach weil ihre inneren Triebe manchmal keine Erfüllung erfahren.

Und wir Menschen?

Wir haben mit den Pflanzen das Leben gemeinsam. Tief und unbewusst wie in einem Pflanzenschlaf verlaufen Stoffwechselvorgänge, werden Zucker und Fette eingelagert oder mobilisiert. Wie die Tiere nehmen wir wahr, erleben und bewegen uns. Wie sie unterliegen wir vielleicht allzu häufig unseren Trieben und Begierden. Wir werden satt, selbst wenn wir beim Essen mit unseren Gedanken woanders sind, können uns aber auch vor Sehnsucht, Neid oder Schmerz verzehren. Das typisch Menschliche jedoch erfahren wir erst, wenn wir uns frei fühlen von angeborenen und unbewussten Zwängen – der Mensch ist zur Freiheit geboren, muss sie jedoch erst erwerben.

Freiheit heißt nach Hans Jonas, sich selber gegenübertreten zu können, Selbstreflexion, Selbstbewusstsein zu entwickeln. Mit dieser Fähigkeit erwerben wir uns eine zweite ebenso wichtige: Jetzt erst wird auch die Welt zum Gegenüber, wir können Abstand gewinnen zu dem, was uns treibt, uns ängstigt oder zu dem wir uns hingezogen fühlen. Nach Jonas kann der freie Mensch sich selbst und die Welt zum Bild machen – Homo pictor. Ohne diese Fähigkeit gäbe es keine Kunst, keine Wissenschaft und keine Religion.

Mit ihr wird die Welt auf eine geheimnisvolle Art neu, von uns selber geschaffen. Wer anders als wir könnte die Schönheit einer sich öffnenden Blüte erleben, wer im Tautropfen den Regenbogen bewundern? Wer könnte sich über die Schönheit eines Schmetterlings, die Eleganz eines kreisenden, segelnden Raubvogels erfreuen? Wer vermag es, die Weisheit eines Bienenvolkes zu ergründen, die Sprungkraft einer Raubkatze zu ermessen oder die komplexen Vorgänge der Verwandlung von Licht in Pflanzensubstanz aufzudecken? Wer könnte die weiße Lilie zum Symbol der Reinheit machen, wer im Donnerschlag den Zorn der Götter hören, im Lamm den Erlöser und im gehörnten Bock den Teufel sehen? Nur einer ist dazu fähig: Homo pictor.

Die großartige Möglichkeit, in der Welt mehr zu entdecken als die materielle Grundlage für unsere Existenz, sie als Ausgangspunkt aller Kunst, Wissenschaft und Religion zu erhöhen und zu veredeln, gehört – selten verstanden – zum großen Projekt der Menschwerdung. Aber auch das Geschenk, die Welt und uns selber als Bild und im Bild zu erfassen, ihr Innerstes unbedingt und frei erscheinen zu lassen, in den Ateliers, den Labors und auf den Altären, ist ihr Auftrag. Mit unserer Selbst-Bewusst-Werdung ist uns die Welt nicht nur in die Herzen und den Kopf, sondern auch in die Hände gelegt. Ob wir wollen oder nicht, hat uns unsere Entstehungsgeschichte nicht nur die Schönheit und Weisheit der Welt zu lieben gelehrt, sondern uns auch die Sorge um ihr Wohl, ihr Heilsein und ihre Zukunft aufgebürdet. Denken wir daran, wenn wir uns beim nächsten Mal an einer Blume, an einem Schmetterling, einem Baum oder Vogel erfreuen. Und lernen wir die Verantwortung genauso zu lieben wie alles, was uns in Schönheit und mit Zauber umgibt. Es braucht nicht viel, im Samen mit der Gegenwart auch seine Vergangenheit und seine Zukunft zu erleben, die ohne unsere Achtsamkeit und Gewaltlosigkeit nicht mehr gesichert ist.

››› Dr. Johannes Wirz, Biologe am Goetheanum Dornach

Dr. Johannes Wirz arbeitet als Biologe am Forschungsinstitut am Goetheanum in Dornach (Schweiz). Unter www.forschungsinstitut.ch sind Projekte und Artikel aufgeführt.