40 Jahre IFOAM

Vom Bio-Pionier zum Erfolgsmodell – Was die IFOAM (Internationale Föderation der ökologischen Landbau-Bewegungen) in 40 Jahren für den weltweiten Ökolandbau geleistet hat.

Heute ist sie eine Organisation mit 750 Mitgliedern (Verbänden, Firmen, Einzelpersönlichkeiten) aus über 120 verschiedenen Ländern: IFOAM. Das steht für International Federation of Organic Agriculture Movements, die Internationale Föderation der ökologischen Landbau-Bewegungen. Nur eine Handvoll engagierter Vertreter des biologisch-dynamischen und des ökologischen Landbaus aus Frankreich, Deutschland, England und Südafrika hatte sich im November 1972 zusammengefunden und beschlossen: Wir müssen mehr voneinander wissen, uns besser kennenlernen, Erfahrungen austauschen, Informationen publizieren und Sichtweisen harmonisieren. Was mit ein paar Seiten schreibmaschinenbeschriebenem Papier in heute umständlich und betulich anmutenden Formulierungen begann, die aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt und an weitere Interessierte versandt wurden, zeugte in Wahrheit von Weitsicht und Vision.

Weil Landwirtschaft stets eine ortsgebundene Aktivität ist,  kennen sich meist nur die näheren Nachbarn. Um wie viel mehr gilt das für Bio-Bauern, die damals nur den Bruchteil eines Prozents aller Landwirte ausmachten! Sie mussten sich kennen, treffen, austauschen und abstimmen – nicht nur im jeweiligen Land, sondern auch über die Landesgrenzen hinweg, wenn ihre Themen Gehör finden sollten. Die weitsichtigen und keineswegs weltflüchtigen Pioniere erkannten, dass Agrarpolitik, Subventionen und Gesetze der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft auch für das kleine Segment des Bio-Landbaus Bedeutung haben würden. Die eigenen Belange würde man nur dann wirksam vorbringen können, wenn man selbst wusste, wo man steht und was man will. Dies müsste man dann klar und beharrlich den Politik gestaltenden Stellen und Persönlichkeiten vortragen, also die eigenen Interessen vertreten. Die Gründerväter und -mütter waren gestandene Persönlichkeiten, Visionäre, zugleich aber Realisten, die in ihren Herkunftsländern die Arbeit in den Bio-Bauern-Gruppierungen prägten. Manche von ihnen kennt man auch heute noch als Autoren, so Lady Eve Balfour, die Gründerin der Soil Association in England, Claude Aubert, den Bodenkundler aus Frankreich, oder Wolfgang Schaumann, den brillant klaren Vordenker der biologisch-dynamischen Arbeit in Deutschland.

Neben dem Informationsaustausch begannen die Akteure damit, die Grundlagen des Bio-Landbaus in der Praxis, wie sie ihn kannten und verstanden, in einem kurz gehaltenen, einfachen Text aufzuschreiben. 1980 lagen die ersten IFOAM Basic Standards for Organic Agriculture vor, ein nur etwa sechs lockere Schreibmaschinenseiten umfassender Text, der wiedergab, was die kleine internationale Gemeinschaft der Öko-Landbau-Aktivisten als die sie verbindende Grundlage ansah. Wenige Jahre später umfasste das überarbeitete Dokument 20 Seiten Text – und wurde zur Grundlage der EG-Verordnung über den Öko-Landbau. Dies sowohl hinsichtlich Inhalt als auch Struktur der Arbeits- und Vorgehensweise.

Wenige, prinzipielle Regeln legen die Essenz des Öko-Landbaus dar:

  1. Fruchtfolge, Pflanzenbau und Tierhaltung harmonisch aufeinander abgestimmt, möglichst geschlossene Nährstoffkreisläufe, möglichst wenige Fremd-Inputs in das System, keine Agrarchemie in Stickstoff-Düngung und Pflanzenschutz;
  2. ein System aus Einsichtsgewährung und Überprüfung sorgt für Glaubwürdigkeit und Regeltreue;
  3. ein Zeichen, Logo oder Label macht die Produkte am Markt für den Kunden kenntlich.

So arbeitet das System noch jetzt, ein bewährtes Prinzip also, selbst wenn heute das EU-Gesetz, das diese Form der Landwirtschaft, ihrer Überprüfung und der Kenntlichmachung ihrer Produkte dient, fast 150 eng beschriebene Seiten Gesetzestext ausmacht. 1986 hatte die Kommission der Europäischen Gemeinschaften mit der Arbeit an dem Gesetz begonnen; im Sommer 1991 wurde es schließlich nach langen, gelegentlich sehr kontroversen Debatten und Beratungen – immer begleitet von Vertretern der IFOAM – vom Rat der EG verabschiedet und in Kraft gesetzt.

Die Bio-Landwirtschaft hat in Europa und weltweit kräftig zugelegt seit jenem denkwürdigen Treffen am 26. November 1972 in Paris – und doch ist sie weiterhin nur eine verhältnismäßig kleine Gruppe (im Weltdurchschnitt sind 0,8 Prozent der Landbaufläche Bio). In Deutschland wirtschaften heute etwa 7 Prozent der Landwirte auf 6 Prozent der Fläche ökologisch, über 20.000 Bauern sind das und rund 1 Million Hektar Land – deutlich mehr als die vielleicht 500 deutschen Bio-Bauern vor 40 Jahren. In der EU bildet Österreich mit 20 Prozent Bio-Fläche den Spitzentreiter.

Was ist das Besondere am Erfolgsmodell IFOAM?

Ohne äußeren Druck, aus eigenem Interesse und Antrieb haben sich Gleichgesinnte zusammengefunden. Sie haben die Grundlagen ihrer eigenen Arbeit miteinander abgestimmt, verständlich aufgeschrieben und den nationalen und internationalen Gesetzgebern gegenüber im Wesentlichen einheitlich vertreten. So haben sie Gehör für ihr Anliegen gefunden und erreicht, dass ihr Modell, das auf Praxisbewährung in vielen Ländern – wenn auch jeweils durch eine nur kleine Gruppe von Landwirten angewandt – verweisen kann, ernst genommen und übernommen worden ist. Das von den IFOAM-Pionieren und Bio-Bauern weltweit entwickelte System prägt einerseits die Bio-Verordnung der Europäischen Union, des weltweit größten Bio-Marktes, und gibt andererseits dem Regelwerk des Codex Alimentarius von Weltgesundheitsorganisation (WHO) und FAO (Food and Agriculture Organization) der UN seine Gestalt, das sich mit dem Bio-Landbau und Bio-Lebensmitteln befasst. Aus kleinen Anfängen zu weltweiter Wirkung, das gelingt, wenn die Idee gut ist und die Akteure sie gemeinsam und in einem Sinne vertreten.

Dr. Manon Haccius, Leiterin Qualität, Recht und Nachhaltigkeit bei Alnatura, hat seit 1987 an den IFOAM Basic Standards mitgearbeitet und das verbandsinterne Evaluierungssystem mitentwickelt. Sie hat in den Jahren 1990 bis 2000 die deutsche Öko-Landbau-Organisation in der EU-Gruppe der IFOAM vertreten und in dieser Zeit an der Ausgestaltung der EG-Bio-Verordnung mitgearbeitet.