Vielfalt statt Einfalt

Kultur und Natur im Einklang

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Detlef Hack und sein Team wollen den Zauber der Natur in der Landwirtschaft bewahren. Wer ihren Lämmerhof und die Landschaft in Panten am Rande des Naturparks Lauenburgische Seen erlebt, bestätigt gern: Das gelingt den engagierten Bauern. Die wilde Natur darf sich auf dem Lämmerhof frei entfalten. “Das ist ein Dankeschön, das wir der Natur, dem lebendigem Wesen um uns herum, unserer Mutter Erde, zurückgeben. Es bleibt genug zum Ernten und Genießen übrig.“ Diese Einstellung teilt Hack mit vielen anderen Demeter-Bauern. Denn über die Kernkompetenzen Acker, Garten und Stall hinaus bemühen sich viele Biodynamiker, die Vielfalt in der Natur passend zu Landschaft und Region zu fördern. Sie sehen diese Zusatzleistungen als ihren Beitrag zu einer nachhaltigen Agrarkultur.

Biodynamische Akteure verstehen die Erde als ein Samenkorn voller Zukunftspotenzial, nicht als Staubkorn im Weltall. Was vielleicht etwas abgehoben klingt, zeigt sich in der Praxis ganz bodenständig. Viele Besucher nehmen auf Demeter-Höfen eine besondere Atmosphäre wahr. Die entsteht durch das individuelle Gestalten des Hoforganismus und weil die angestrebte Vielfalt noch weiter reicht: Biodynamische Landwirtschaft wird erst dann ein harmonisches Ganzes, wenn auch die unbewirtschafteten Flächen eingebunden werden.

Auf dem Lämmerhof können sich interessierte Menschen davon bei Hofrundgängen, Feldführungen und Natur-Safaris unmittelbar überzeugen. Kinder dürfen Schweine füttern, den Urwald bei den Gewächshausgurken kennenlernen und das Baumhaus erklimmen. Etwa 400 Hektar Getreideanbau, der wild lebende Arten fördert, und eine wesensgemäße Tierhaltung auf 150 Hektar Naturschutzflächen machen die Landwirtschaft zum Anfassen erlebbar. Immer mehr Partner aus dem Bäckerhandwerk wissen es zu schätzen, dass hier ausgesprochen wildartenfreundliche Landnutzung betrieben wird. Sie wählen gern aus dem umfassenden Hofsortiment an Mehlen, Schroten und Körnern, um leckere Backwaren herzustellen. Unter anderem tut dies Springer BioBackwerk, ein Partner von Alnatura in Hamburg.

Kultur und Natur im Einklang

Auch Uwe Wüst will auf seinem Hof “Krautfürnix“ Vielfalt erreichen – durch Harmonie zwischen Kulturpflanzen und Beikräutern. Hier im badischen Bauland gibt es 40 Getreidearten, historische, biodynamisch gezüchtete und solche, die ihm der Zufall beschert hat. Wie der gestreifte Weizen, den er eines Tages mitten im Ährenmeer entdeckte. Der bekam den passenden Namen “Sträflingsweizen“ und im Jahr drauf eine Chance zu eigenständiger Entwicklung. Seitdem gehört er wie der struppige Wunderweizen mit den dicken XXL-Ähren, der zwei Meter hohe Waldstaudenroggen, Schwarzhafer, Einkorn, diverse Emmer- und Gersten-Arten, sieben verschiedene Dinkelsorten oder der Weizen zu den Kulturpflanzen auf den 150 Hektar Ackerflächen in Königheim-Brehmen in der Nähe von Tauberbischofsheim. Beim “konsequenten Bäcker“ und Demeter-Hersteller ErdmannHauser werden diese Getreide geschätzt und veredelt.

Biodiversität buchstabiert der eigensinnige Landwirt auf seine Art. “Mir geht es um Harmonie zwischen Kulturpflanzen und den sogenannten Unkräutern“, sagt er. “Solange diese Beikräuter den Kulturen den Vorrang lassen, brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Wo Vielfalt herrscht, kann kein einzelner die Herrschaft übernehmen.“ Deshalb kann sich der Bauer über rosa blühende Ackerwinde, blaue Kornblume, unscheinbares Labkraut, Ackerhohlzahn und Vogelmiere genauso freuen wie über den Solo-Samen im Einkorn. Mit dem hat eigentlich alles begonnen. “Einkorn war mein erstes Getreide, ausgesät aus einer Tüte aus dem Bioladen“, erinnert sich Uwe Wüst an seine Anfänge kurz vor der Jahrtausendwende. Seit 2.000 wird Krautfürnix biodynamisch bewirtschaftet. “Experimenteller Landbau im Einklang mit Naturschutzansprüchen“ ist dafür das Leitbild. Uwe Wüst lässt wachsen, was sich neben seiner Saat ansiedelt. Das Getreide ist stark genug, sich durchzusetzen. Auch die selten gewordenen Rebhühner und selbst der Feldhase lassen sich blicken. Schmetterlinge, Vögel und eine Wunderwelt von Insekten besuchen die Blüten. Sie kennen den Bokharaklee oder die Esparsette, eine alte Futterpflanze, die viele moderne Land­wirte längst vergessen haben.

Tierisch bunt präsentieren sich auch die Vierbeiner von Uwe Wüst. Eine Favoritenstellung haben die englischen Longhornrinder erobert. “Ihre Hörner dürfen wachsen, wie es ihnen beliebt, und dreifarbig dürfen sie auch sein!“ So passt das Äußere der gelassenen Kühe ideal zum Credo des Krautfürnix-Hofes. Hinterwälder-Rinder ergänzen die Mutterkuhherde.

Beim Projekt “Blühende Landschaften“ steht die Biene ganz im Mittelpunkt. Das von Demeter-Imker Thomas Radetzki mit initiierte Netzwerk will Honig- und Wildbienen sowie allen anderen nektar- und pollensuchenden Insekten wieder eine Lebensgrundlage schaffen. In Zusammenarbeit mit Landwirten, Naturschützern, Beratern, Verbrauchern, Gärtnern, Imkern, Wissenschaftlern und Landschaftsplanern werden neue, insektenfreundliche Bewirtschaftungskonzepte entwickelt, Modellprojekte initiiert und Fördergelder dafür akquiriert sowie breite Lobbyarbeit betrieben. Jeder Konsument kann sich beteiligen – und Unternehmen wie Alnatura tun dies auch.

Renée Herrnkind

Renée Herrnkind, nach dem Abitur Volontariat bei einer Frankfurter Tageszeitung, danach sieben Jahre Redakteurin. Seit 1980 eigenes Journalistinbüro „Schwarz auf Weiß“ in Wetzlar mit dem Arbeitsschwerpunkt ökologische Themen.