Die Seele

Gesundheit und Krankheit entstehen im Zusammenspiel von Körper, Seele und Geist.

Anthroposophische Medizin

"Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare" – so charakterisiert Christian Morgenstern die Seele. Und genau wie der Körper kann auch die Seele krank werden. Oder, was noch häufiger vorkommt, seelische Ursachen können zu körperlichen Erkrankungen führen. Deshalb fragt die Medizin heute zunehmend nach möglichen seelischen Faktoren einer Krankheit. Als eigenes Fach ist daraus die Psychosomatik entstanden, die sich mit dem Zusammenwirken von Körper und Seele beschäftigt. In der Anthroposophischen Medizin steht dieses Zusammenwirken grundsätzlich – und also nicht nur in der Psychosomatik – im Mittelpunkt des therapeutischen Handelns. Denn Gesundheit und Krankheit entstehen im Zusammenspiel von Körper, Seele und Geist. In den ersten 21 Lebensjahren steht die körperliche Entwicklung des Menschen im Vordergrund: Lernen, Aufnehmen, Entfalten und Hineinwachsen in die Welt kennzeichnen die Kindheit und Jugend. Der mittlere Lebensabschnitt zwischen dem 21. und 42. Lebensjahr stellt die Prägephase der seelischen Entwicklung dar.

Die sich anschließenden Jahre gelten schließlich vor allem der geistigen Entwicklung des Menschen. Zusammenhänge erkennen, in der anthroposophisch orientierten Psychosomatik geht es vor allen darum, den Zusammenhang zwischen der körperlichen Verfassung des Menschen und der seelischen bis hin zur spirituellen Entwicklung mit einzubeziehen. Seelische Ursachen einer Krankheit können natürlich extrem vielschichtig sein. Wenn ein Mensch zum Beispiel keine Sicherheit im Umgang mit seinen Gefühlen gewinnt, können daraus Krisen oder Krankheiten entstehen. Wenn gekränkte seelische Empfindungen nicht wahrgenommen und bearbeitet werden, werden sie nicht selten in eine körperliche Erkrankung »verschoben«. Gesund werden wollen heißt in diesem Zusammenhang, sich auf den Prozess einer seelischen Entwicklung, der zur Gesundung existenziell ist, einlassen zu wollen.

Krisen und Krankheiten meistern Dabei geht die Anthroposophische Medizin davon aus, dass Krankheiten oder biografische Krisen immer die Möglichkeit zur seelisch-geistigen Entwicklung in sich bergen. So gibt es auch keine Lebenssituation, von der man sagen müsste, sie hätte keinen Sinn – und sei sie auch noch so beängstigend. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum die Anthroposophische Medizin auch bei chronischen oder unheilbaren Erkrankungen nie davon ausgeht, dass der Patient am Ende seines Weges angekommen sei und dass man nichts mehr für sie oder ihn tun könne. Bei biografischen Krisen gilt es, nach den auslösenden Faktoren zu fragen, diese ernst zu nehmen und schließlich einen angemessenen Umgang mit ihnen zu finden.

Achtsam mit sich selbst sein Auch wenn Krisen natürlich nie vorhersehbar sind, kann man doch auch vorbeugend viel für die seelische Gesundheit tun. Um die eigenen Gefühle bewusst – ganz gleich, ob positiv oder negativ – wahrnehmen zu können, bieten sich zum Beispiel verschiedene Achtsamkeitsübungen in Bezug auf das Denken, Fühlen und Handeln an. Auf der körperlichen Ebene können das beispielsweise Entspannungs- oder Atemübungen sein, auf seelisch-geistiger Ebene Meditation oder Übungen zum Erkennen der eigenen Stärken und Schwächen. In der Anthroposophischen Medizin wurde außerdem die "Biografiearbeit" entwickelt, mit der wiederkehrende emotionale Muster aufgedeckt werden können – und zwar bevor daraus krankmachende Veränderungen oder seelische Krisen werden.

››› Dr. med. Michaele Quetz, Fachärztin für Psychosomatische Medizin, Psychotherapie, Innere Medizin, Psychoonkologie (PSO) und Suchtmedizin. Leitende Ärztin am anthroposophischen Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin

"Anthroposophie" heißt wörtlich "Mensch" (anthropos) und "Weisheit" (sophia). Dieser Ansatz geht auf Rudolf Steiner (1861 – 1925) zurück, der die Anthroposophische Medizin zusammen mit Dr. Ita Wegman (1876 – 1943) entwickelte. Das umfassende Menschenbild, das der Anthroposophischen Medizin zugrunde liegt, ermöglicht es dem Arzt, die Zusammenhänge zwischen Körper, Geist und Seele besser zu verstehen. Dabei unterscheidet die Anthroposophische Medizin zwischen Körper (physischer Leib), Lebensorganisation (Ätherleib), Seelenorganisation (Astralleib) und Ich-Organisation (geistige Individualität). Wichtig ist, dass sich die Anthroposophische Medizin nicht als Alternative, sondern als Ergänzung und Erweiterung zur konventionellen Medizin versteht. Sie wird heute sowohl ambulant als auch stationär praktiziert und forschend weiterentwickelt. Seit 1976 ist die Anthroposophische Medizin in Deutschland gesetzlich verankert und anerkannt.