Bingenheimer Saatgut AG

Interview mit Petra Boie, Vorstand der Bingenheimer Saatgut AG

Bingenheimer Saatgut AG

Alnatura: Die Bingenheimer Saatgut AG steht für ökologisch erzeugtes Saatgut. Wie vermehrt man Samen biologisch?

Petra Boie: Bio-Saatgut wird nur auf ökologisch zertifizierten Flächen erzeugt. Dabei legen wir Wert auf den Anbau nach Richtlinien eines Bio-Anbauverbandes wie Demeter oder Bioland. Unser Schwerpunkt liegt bei Gemüse, Kräutern und Blumen. Die Gewinnung von Gemüse-Saatgut ist etwas sehr Spezielles. Normalerweise verzehrt man das Gemüse, bevor es die Möglichkeit hat, Samen zu bilden – anders als Getreide, bei dem das Lebensmittel gleichzeitig das Saatgut ist. Möhren zum Beispiel werden üblicherweise nach etwa vier Monaten geerntet, aber erst nach einem Jahr treiben sie aus und bilden einen Blütenstand.

Bingenheimer Saatgut AG

Alnatura: Was passiert mit dem Saatgut in Bingenheim?

Boie: Unsere 80 Partnergärtnereien liefern das Rohsaatgut zu uns. Wir reinigen es, d. h. wir entfernen alle Verunreinigungen wie Steinchen und fremde Samen. Dafür nutzen wir Siebe, Windkraft und einen fotoelektronischen Ausleser. Teilweise verlesen wir das Saatgut zusätzlich von Hand. Danach erfolgt die Qualitätsprüfung auf Keimfähigkeit und Triebkraft. Schließlich wird das Saatgut abgefüllt – große Stückzahlen maschinell, Kleinmengen von Hand. Bis zum Verkauf lagert das Saatgut in einer eigens hierfür errichteten Holzhalle unter klimatisch optimalen Bedingungen.

Bingenheimer Saatgut AG

Alnatura: Die Initiative, aus der die Bingenheimer Saatgut AG hervorgegangen ist, setzte sich bereits in den 1980er Jahren mit dem Thema Bio-Saatgut auseinander.

Boie: Ja, in den 80er Jahren war es für ökologische Betriebe noch gar nicht möglich, Bio-Saatgut zu kaufen. Oftmals war es sogar schwierig, chemisch ungebeiztes Saatgut zu finden. Eine Gruppe engagierter Gärtner unternahm daher eigene Versuche einer ökologischen Saatguterzeugung. Unter ihnen war auch der Gärtner der Lebensgemeinschaft Bingenheim, einer Einrichtung für Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung, mit der wir heute noch zusammenarbeiten. Die Anfänge waren sehr schwierig, da die Saatguterzeugung nicht mehr Teil der gärtnerischen Ausbildung ist. Deshalb eigneten sich die Gärtner das Fachwissen neu an. In der Anfangszeit tauschten sie das Saatgut nur untereinander aus, doch schon bald wurden die Notwendigkeiten einer zentralen Qualitätssicherung und Vertriebsstruktur deutlich. So begann man in Bingenheim mit dem Saatgutvertrieb. Mit den Jahren wuchs das Unternehmen, bis 2001 daraus die Aktiengesellschaft entstand. Die Aktien sind nicht frei handelbar – so sind wir vor einer Übernahme geschützt. Lieferanten, Kunden, gemeinnützige Einrichtungen und Öko-Organisationen sind Aktionäre und damit Teilhaber. Bereits 1995 gründeten einige Züchter innerhalb der Initiative den Verein Kultursaat e. V., um auch die ökologische Züchtung neuer Sorten voranzubringen.

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Alnatura: Was genau ist die Aufgabe des Vereins?

Boie: Der Verein organisiert die dezentrale Gemüsezüchtung in Deutschland. Eine ökologische Züchtung findet – wie die Vermehrung – unter ökologischen Anbaubedingungen und mit Methoden statt, die zum Bio-Landbau passen. Als gemeinnütziger Verein kann Kultursaat e. V. der Überzeugung gerecht werden, dass Sorten Kulturgut und kein Privateigentum sind. Neue Sorten entwickeln sich immer aus alten Sorten, die über Jahrtausende als kulturelle Leistung der Menschheit entstanden sind.

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Alnatura: Welche Ziele verfolgt die ökologische Pflanzenzüchtung?

Boie: Im Mittelpunkt steht die Lebensmittelqualität und hier besonders der Geschmack. Während der Sortenentwicklung verkostet der Züchter die Früchte regelmäßig. Nur wenn sie dem Geschmacksziel entsprechen, verwendet er sie weiter. Der Bio- Landbau benötigt zudem robuste Sorten, die die Aufzucht ohne Chemie auch bei herausfordernden Naturbedingungen überstehen. Ziel ist auch immer die Entwicklung samenfester Sorten. Im Gegensatz zu konventionellen Hybridsaaten können diese auf natürlichem Weg – auf den eigenen Anbauflächen, im Hobbygarten – vermehrt werden.

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Alnatura: Sie bieten daher ausdrücklich kein Hybridsaatgut an.

Boie: Wir sind der Überzeugung, dass nur samenfeste Sorten den Grundgedanken des Bio-Landbaus und dem Prinzip "Sorten sind Kulturgut" gerecht werden. Hybride sind nicht nachbaufähig. Dies führt zu wachsender Abhängigkeit der Gärtner und Bauern von den Saatgut-Herstellern und wird zum "Quasi- Patentschutz". Der Landwirt muss das Saatgut jedes Jahr neu erwerben und kann es nicht selbst vermehren. In der Folge – so zeigt die Vergangenheit – kommt es zu einem Bedeutungswandel vom "Kulturgut" zum "Produktionsmittel". Die Zucht von Hybriden, die durch Kreuzung von Inzuchtlinien erfolgt, missachtet außerdem die Natur der Pflanzen und führt zu einem Verlust der genetischen Vielfalt und der Ernährungsqualität.

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Alnatura: Kultursaat e. V. pflegt und erhält auch alte Sorten.

Boie: Alte Sorten dienen als Basis für neue Züchtungen. Und: Viele moderne konventionelle Züchtungen sind bereits Hybridsorten, diese sind nicht für die ökologische Weiterzüchtung geeignet. Es ist daher wichtig, auch Sorten, die erst 20 oder 30 Jahre alt sind, zu schützen. Der Verein unterhält eine eigene "Erhaltungszuchtbank", in der diese »jüngeren« alten Sorten bewahrt und erhaltungszüchterisch gepflegt werden.

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Alnatura: Was kann man als Verbraucher tun, um die ökologische Saatguterzeugung und Pflanzenzüchtung zu unterstützen?

Boie: Als Kunde kann ich meine Wünsche durch die Entscheidung an der Ladentheke, den bestimmenden Griff ins Regal äußern. Dies setzt eine entsprechende Kennzeichnung des Gemüses mit Sortennamen voraus. Hier haben Anbau und Handel noch eine große Aufgabe, denn sie stellt zusätzliche logistische Anforderungen an alle Beteiligten. Als Hobbygärtner hat man inzwischen eine große Auswahl an ökologischen Saaten. Wer im Garten selber Saatgut erzeugen will, kann sich einer Erhaltungsorganisation anschließen und Saatgut tauschen. Auch können Kunden, Balkon- oder Hobbygärtner Mitglied im Verein Kultursaat e. V. werden.

Alnatura: Vielen Dank für das Gespräch!

Mehr Informationen zur Bingenheimer Saatgut AG und zu biologischdynamischen Sorten finden Sie unter http://www.bingenheimersaatgut.de/ und http://www.kultursaat.org/