Die "Hühnerflüsterin"

Dr. Christiane Keppler überprüft für Alnatura das Wohl von Legehennen – und ermöglicht damit die Umsetzung eines neuen Leitgedankens zur Bio-Hühnerhaltung

Sie hebt die Federn der Hennen an, begutachtet deren Haut und streicht mit den Fingern am Brustbein entlang, sie betrachtet die Flügel von allen Seiten und schaut den Tieren auch schon mal tief in die Augen: Dr. Christiane Keppler, Biologin an der Universität Kassel, ist ausgewiesene Expertin für Legehennen – und oberste fachliche Instanz für die Umsetzung des neuen Alnatura Eier-Konzepts. Seit 20 Jahren untersucht die Wissenschaftlerin die Voraussetzungen für das Wohlergehen von Geflügel in der Nutztierhaltung, in unzähligen Hühnerställen geht sie seitdem ein und aus. Die in den letzten Jahren rasant gewachsene Nachfrage nach Bio-Eiern stellt ihre Arbeit vor neue Herausforderungen. Weil auch Alnatura die bisherige Praxis in der Bio-Legehennenhaltung weiterentwickeln will, haben Dr. Manon Haccius, Leiterin des Alnatura Qualitätsmanagements, und Dr. Christiane Keppler ein bislang noch ungewöhnliches System zur systematischen Erfassung und Verbesserung des Tierwohls in Hühnerställen erarbeitet.

Die gängigen Kontrollen auf Bio-Höfen – sie erfolgen auf Grundlage der EU-Öko-Verordnung – konzentrieren sich auf alles Mess- und Zählbare wie Flächen, Stalleinrichtungen oder Besatzdichten. Das macht auch weiterhin Sinn, doch der neue Alnatura Leitgedanke geht einen konsequenten, jedoch aufwändigen Schritt weiter: die Henne selbst steht im Mittelpunkt der Untersuchung. Wie sieht das Tier aus? Wie verhält es sich? Wie aufmerksam geht der Bauer mit den Tieren um? Fragen wie diese geht Christiane Keppler systematisch durch, wenn sie und von ihr ausgebildete Auditoren jährlich alle 20 Hühnerhöfe aus dem Alnatura Programm besucht und dort ein so genanntes "Hühner-Audit" durchführt. Erst wird der optische Zustand der gesamten Herde beurteilt. Abhängig von der Herdengröße nimmt die Auditorin oder der Auditor dann bis zu 25 Hennen je Herde in die Hände, untersucht jedes Tier akribisch und notiert die Beobachtungen. Diese genaue Betrachtung einzelner Tiere erlaubt verlässliche Rückschlüsse auf den Zustand der gesamten Herde.

Eine Beziehung zu den Hennen aufbauen

Während des mehrstündigen Audits wird die Wissenschaftlerin vom Bauern begleitet. Auch das gehört zum Selbstverständnis des neuen Hühner-Audits: Der Hühnerhalter ist nicht per se der Kontrollierte, sondern der fachlich Interessierte, der sich auf Augenhöhe mit der Auditorin austauscht. Die Alnatura Bauern sind erfahrene Hühnerhalter, und doch beeindruckt sie die Sicherheit, Ruhe und Präzision, mit der Christiane Keppler die Hühner von Kamm bis Kralle begutachtet und jede noch so kleine Unstimmigkeit erkennt. Für Zustimmung, aber auch fürs kritische Hinterfragen ist Keppler dankbar, denn so kommt sie mit den Bauern ins Fachsimpeln. Auf diesen Erfahrungsaustausch legt die Auditorin besonderen Wert, denn beide können voneinander lernen.

Langjährige Hühnerbauern wie Johannes Breitsameter wissen um die Sensibilität der Legehennen. Der Breitsameter Hof aus dem bayerischen Dasing gehört zu den von Keppler auditierten Betrieben. "Jede Veränderung wie zum Beispiel eine neue Futter-Charge ist gerade bei jungen Hühnern ein kritischer Punkt, da muss ich öfter als sonst in den Stall und die Tiere beobachten", sagt Breitsameter. Und Christiane Keppler, jetzt ganz Hühnerflüsterin, ergänzt: "Wenn sich die Tiere persönlich angesprochen fühlen, weil der Bauer einen Draht zu den Hennen aufgebaut hat, dann ist die halbe Miete schon gewonnen". Die halbe Miete – das ist ein Stall mit Freigelände, in dem kein Federpicken unter den Tieren vorkommt. Bilder von Ställen, in denen es solches Fehlverhalten gab, hatten mehrfach Verbraucher und auch die Bio-Branche selbst aufgeschreckt.

Es geht also um Veränderung. Die lässt sich zwar auf dem Papier planen, an den Hühnern jedoch erst erkennen. Eine Volksweisheit, wenn auch in ihrer ursprünglichen Bedeutung leicht abgewandelt, hilft dabei. Wie der Herr, so’s Gescherr – für Christiane Keppler gilt dies auch beim Verhältnis von Bauern zu ihren Hühnern. Ob der Bauer eine Beziehung zu seinen Tieren aufgebaut hat und sich ernsthaft für deren Wohl engagiert oder ob er Hühner als reine Eierlieferanten betrachtet, spürt die Hühnerexpertin schon nach wenigen Minuten. Dieses Feingefühl freilich lehrt keine wissenschaftliche Einrichtung, das ist Erfahrung.

Zum Wohl der Hühner tragen auch Kleinigkeiten bei.

Spielschnüre als Beschäftigungsanreize oder Leckereien wie Wassermelonen im Sommer sorgen für Abwechslung und neugieriges Gegacker. Manche Bauern beschallen die Ställe sogar mit Hintergrundmusik, damit die Tiere gegenüber Umgebungsgeräuschen weniger schreckhaft werden. "Ob Klassik oder Schlager vorzuziehen ist, bleibt dem Geschmack des Bauern überlassen", meint Christiane Keppler lachend. Alle Beobachtungen fließen schließlich in die Gesamtbewertung des Hühnerhofes ein. Kleinigkeiten zur Verbesserung klärt die Auditorin unmittelbar mit dem Bauern. Werden größere Mängel festgestellt, muss der Hühnerhalter nachbessern, im Zweifel lehnt Alnatura die Vermarktung der Eier ab.

Bei allem Anspruch an eine optimale Legehennenhaltung: Das Konzept muss auch wirtschaftlich sein. Alnatura zahlt seinen Hühnerbauern für ihren Mehraufwand einen höheren Einkaufspreis je Ei. Das gibt den Landwirten Sicherheit und schafft die Voraussetzungen für mehr Tierwohl. Doch auch wenn es den Tieren und dem Bauern gut geht – der Kreis für das neue Konzept schließt sich erst in den Alnatura Filialen. Denn erst die Bio-Kunden ermöglichen durch ihre Kaufentscheidung mehr Tierwohl in den Hühnerställen.

Informationen zu Dr. Christiane Keppler

  • Biologin an der Universität Kassel (Fachgebiet Nutztierethologie und Tierhaltung)
  • bundesweit anerkannte Hühner-Expertin
  • beschäftigt sich seit 20 Jahren mit allen Fragen rund ums Huhn
  • hat federführend das Konzept zum Alnatura Hühner-Audit entwickelt