Doch dann entwickelte sich bei dem ehemaligen Waldorfschüler eine Begeisterung für jenes komplexe Gebilde, das wir Wirtschaft nennen. »Mein Wunsch ist es, so etwas wie ein Wirtschaftsarzt zu sein, Verhältnisse zu gestalten, die gesund für den Menschen sind und die Erde respektieren«, erklärt Rehn. Und er betont dabei, dass ihm die Beschäftigung mit der Anthroposophie die Möglichkeit eröffnet hat, die Sinnfrage für sich zu beantworten.
Bevor Rehn vor 25 Jahren Alnatura gründete, sammelte er Erfahrungen in der konventionellen Lebensmittelindustrie. Rückblickend schätzt er seine Lehrjahre bei Nestlé, dort gab es viel zu lernen, viel zu gestalten. Sie brachten ihn auch dazu, seinen eigenen Weg klar zu definieren. Denn das konventionelle Wirtschaften bedeutet immer wieder: Wie kann man teure Rohstoffe durch billigere ersetzen. »Da war es für mich wichtig, einen anderen Weg zu finden und Beruf und Berufung mehr zueinander zu bringen.«
Rehn begreift Alnatura als Kulturinitiative, die aus einem geistigen Impuls heraus im Wirtschaftsleben tätig ist. Von Anfang an konzentriert er sich auf Produkte, die zu 100 Prozent Bio sind, und fördert so die Anwendung von ganzheitlichem Denken auf die Landwirtschaft. »Wir haben viel für die Ökobewegung erreicht. Wir waren die Ersten, die Bio in konventionellen Geschäften verkauft haben, bei dm, bei tegut, unseren ersten Handelspartnern«, resümiert Rehn und weiß zugleich, dass der Weg noch weit ist. Nach neuesten Zahlen arbeitet in Deutschland erst jeder 20. landwirtschaftliche Betrieb nach Bio-Standards. Doch das Interesse der Menschen an biologisch erzeugten Lebensmitteln schätzt Rehn als groß ein, wenn es gelingt, ihnen zu vermitteln, wo ihre Produkte herkommen, wie sie angebaut werden, und wenn sie sich davon überzeugen können.
Eine Aufgabe, die gegenseitiges Vertrauen erfordert. Das spürt Götz Rehn, wenn er in den Alnatura Filialen mit seinen Kunden diskutiert. Die Fragen an ihn reichen von kürzeren Vertriebswegen über die Kennzeichnung von Frischmilch bis hin zur laufenden Qualitätskontrolle. Nach 90 Minuten Diskussion ist der Alnatura Chef noch dicht umringt. Er sieht es auch als Bestätigung seines Ansatzes, auf übliche Werbung zu verzichten, stattdessen zu informieren und den Kunden als mündigen Partner anzuerkennen. Dieses partnerschaftliche Denken beschäftigt Rehn auch im Alnatura Jubiläumsjahr. Wie kann man dabei helfen, dass noch mehr Bauern auf Bio umsteigen? Rehn will dazu einen Fonds ins Leben rufen, der Bauern durch qualifizierte Fachberatung dabei hilft, den Übergang zu meistern. »Bauern, die umstellen wollen, müssen das finanziell auch durchstehen. Wenn eine Gesellschaft nachhaltig sein will, dann macht es Sinn, die Bereiche, die bereits nachhaltig sind – und dazu gehört der biologische Landbau – zu fördern.«
Marktführer im deutschen Bio-Handel zu sein, das allein befriedigt den Alnatura Chef nicht. Sein Anliegen, Wirtschaft neu zu denken, lässt Götz Rehn internationale Partnerschaften schließen, eine neue Form des Wirtschaftsstudiums entwickeln und bei der Kanzlerin für das bedingungslose Grundeinkommen werben. Alternativen aufzuspüren, das reizt ihn, besonders in so genannten Krisenzeiten. Über mangelnde Bestätigung kann er sich dabei nicht beklagen: »Der Weltagrarrat hat gerade herausgefunden, dass wir die Ernährungsfrage auf der Erde nur lösen können, wenn wir Bio machen. Bislang hieß es immer: Nur mit der Agrarindustrie geht das. Das zeigt, dass man verstärkt erkennt, welche enorme Wichtigkeit biologische Lebensmittel haben.«
Ulrich Bauer, freier Journalist