01.02.2012

Verwischte Wirklichkeit

Seit über fünf Jahrzehnten versteht es Gerhard Richter, der weltweit zu den populärsten zeitgenössischen Malern zählt, sich als Maler immer wieder neu zu erfinden.

 


Visual

 


Bildnachweis: Städel Museum, Gerhard Richter (geb. 1932) Kahnfahrt, 1965 Öl auf Leinwand, 150 × 190 cm Sammlung Deutsche Bank im Städel Museum

 


Seit über fünf Jahrzehnten versteht es Gerhard Richter, sich als Maler immer wieder neu zu erfinden. Richter, der weltweit zu den populärsten zeitgenössischen Malern zählt, widersetzt sich jeder Kategorisierung, da er sowohl abstrakt als auch gegenständlich malt und die verschiedensten Einflüsse in sein Werk integriert. Bereits in den 1960er-Jahren nimmt Richters verwischte Malerei nach fotografischen Vorlagen ihren Anfang. Aus dieser Zeit stammt auch das Werk »Kahnfahrt« (1965), das 2008 mit der Übergabe von über 600 Werken aus der Sammlung Deutsche Bank ans Städel Museum gekommen ist.

Das Gemälde »Kahnfahrt« lenkt den Blick des Betrachters auf die Bildmitte: Eine Personengruppe fährt hier auf einem von zwei Ruderern gelenkten Kahn. Doch am Ufer scheint etwas passiert zu sein. Ein Junge mit kurzen Hosen, der am Heck des Kahns steht, hebt seinen rechten ausgestreckten Arm, die Blicke der anderen folgen dieser Richtung. Das unscharfe in grauen und blauen Tönen gehaltene Motiv gibt einige Rätsel auf. Wer sind diese Leute? Was ist am Ufer passiert?

»Kahnfahrt« geht auf ein Foto zurück, mit dem sich der Freistaat Bayern in den 1960er-Jahren als Ferienland angepriesen hat. Einer Illustrierten entnommen, weckte das rein zufällig gefundene Motiv Richters Interesse. In seinem künstlerischen Verfahren, das er im Laufe seiner Karriere immer wieder aufgriff, übertrug Richter das fotografische Motiv in Malerei: Das kleine Fotoformat wurde auf die Leinwand projiziert und mehrfach vergrößert abgemalt. Zusätzlich hat Richters typische Verwischungstechnik einen wesentlichen Anteil an der Verfremdung des Motivs. Im Falle der Kahnfahrt ging Richter jedoch noch einen Schritt weiter: Er kolorierte die Schwarz-Weiß-Vorlage und verwandelte den Hintergrund so in eine dunkle und düstere Flusslandschaft. Die harmlose Urlaubsidylle erscheint plötzlich geheimnisvoll, fast bedrohlich und der Zeit enthoben. »Ich wollte gerade, wenn ich so banale Alltagsfotos für Bilder verwendete, die Qualität, das heißt die Botschaft dieser Bilder, herausstellen und zeigen, was man sonst in kleinen Fotos grundsätzlich übersieht«, erklärt Richter, der ein riesiges Konvolut an Vorlagen in seinem »Atlas« sammelt.

Der 1932 in Dresden geborene Künstler wuchs in Sachsen auf. Nach einer Ausbildung als Werbe- und Kulissenmaler begann Gerhard Richter in Dresden Kunst zu studieren. Wenige Monate vor dem Bau der Mauer verließ er die ehemalige DDR und setzte sein Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf bei dem informellen Maler Karl Ott Götz fort. Schon bald nach seiner ersten Ausstellung im Jahr 1962 machte Richter mit seinen Unschärfebildern die westliche Kunstszene auf sich aufmerksam. Richter lehrte an verschiedenen internationalen Kunsthochschulen, davon mehr als 20 Jahre an der Düsseldorfer Kunstakademie. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter dem »Goldenen Löwen« auf der 47. Kunstbiennale in Venedig (1997). Richters Werk wurde in zahlreichen Ausstellungen auf der ganzen Welt gezeigt, 2002 präsentierte das Museum of Modern Art in New York die größte Einzelausstellung, die das renommierte Haus jemals einem zeitgenössischen Künstler gewidmet hat. Gerhard Richter lebt und arbeitet in Köln.

››› Gudrun Herz, Städel Museum

Weitere Informationen zum Städel Museum unter www.staedelmuseum.de

 

 

Das Städel Museum
Der Frankfurter Kaufmann und Bankier Johann Friedrich Städel legte 1815 mit seinem Testament den Grundstein für eines der ältesten Kunstmuseen in Deutschland, das Städel Museum. Die Sammlung präsentiert mit ihrem reichen Bestand von rund 2.900 Gemälden, 600 Skulpturen, 500 Fotografien und über 100 000 Zeichnungen und Druckgrafiken einen Überblick über 700 Jahre europäische Kunstgeschichte - vom Mittelalter bis in die Gegenwart.

Ab Herbst 2011 wird sich das Städel Museum in drei Etappen neu präsentieren. Beginnend mit der Wiedereröffnung des Sammlungsbereichs »Kunst der Moderne«, gefolgt von der Neupräsentation der »Alten Meister«, werden im sanierten Altbau am Mainufer die Meisterwerke von Holbein, Cranach, Dürer, Botticelli, Rembrandt und Vermeer bis hin zu Matisse, Monet, Picasso, Kirchner und Beckmann in einer neuen Zusammenstellung zu sehen sein. Für die Sammlung der Gegenwartskunst wird derzeit ein spektakulärer, architektonisch einzigartiger unterirdischer Erweiterungsbau errichtet. Mit dessen Neueröffnung im Februar 2012 wird eine der ältesten und bedeutendsten Museumsstiftungen Deutschlands gänzlich in neuem Glanz erstrahlen und ihre Ausstellungsfläche verdoppelt haben.