18.06.2010

Viel Lärm um nichts

Ein Kommentar von Johannes Wirz, Goetheanum

Keine der größeren Tageszeitungen weltweit hat es sich in den letzten Wochen nehmen lassen, über das „künstliche Leben“, das „synthetische Leben“, den „Schöpfungsakt“ oder wie auch immer zu schreiben. Hinter diesem medialen Hornberger Schießen steht einer der brillantesten Wissenschaftler unserer Zeit. In seinem Labor haben Craig Venter und seine Mitarbeiter zum ersten Mal ein Chromosom des kleinen Bakteriums Mycoplasma mycoides synthetisiert und in eine andere nah verwandte Art,Mycoplasma capricolum eingeführt.(1)

 

Visual
Wie von Alzheimer geschlagen vergisst die Tagespresse, dass Venter und seine Mitarbeiter die Zutaten für diesen Coup bereits vor knapp zwei Jahren hergestellt haben.(2)
Die Leistung der Wissenschaftler hinter der neuesten Publikation ist in der Tat beachtlich. Es ist keine Selbstverständlichkeit, die 1080000 Bausteine des Mycoplasma-Genoms zusammenzubasteln, wenn man weiß, dass Apparate chemisch lediglich um die 150 Bausteine lange DNA-Sequenzen fehlerlos synthetisieren können. Die Herausforderung besteht anschließend darin, die 7200 Schnipsel schrittweise in der richtigen Reihenfolge aneinanderzuhängen und in das Wirtsbakterium einzuschleusen.

Bekannter Trick

Für den letzten Schritt wurde ein „Trick“ angewendet, dessen sich die molekularen Genetiker bei beinahe jeder „normalen“ gentechnischen Manipulation auch bedienen. In das synthetische Genom wurde auch die Gensequenz für eine Antibiotikumresistenz eingeführt. Auf einem Nährboden mit dem entsprechenden Antibiotikum können nur diejenigen Zellen überleben, die das neue Chromosom aufgenommen haben. Im Laufe der Generationenfolge wird das Chromosom des Wirtsbakteriums abgebaut und seine Eiweiße schrittweise ausverdünnt – aus M. capricolum wird M. mycoides.
Niemand hat bis heute je behauptet, dass die transgenen Pflanzen, die heute auf mehr als hundert Millionen Hektar wachsen, „künstliche“ Lebewesen seien (außer den Patentämtern in den USA und Europa, die mit Patentvergaben die Eigentumsrechte der Konzerne für die transgenen Organismen sichern). Auch hat kein Mensch bis heute behauptet, dass geklonte Tiere „Neuschöpfungen“ oder „künstliche Kreaturen“ seien!

Blendung

Wir Laien werden in verschiedener Weise geblendet: Man lässt uns glauben, dass Experten bald eine Reihe neuer Lebewesen schaffen und drängende Probleme in der Umwelt, der Energiegewinnung oder in der Medizin lösen könnten. Steht die schöne neue Welt vor der Tür?
Sicher ist, dass es unbeabsichtigte Effekte geben wird, über die keine Voraussagenmöglich sind. Nicht zuletzt am Forschungsinstitut am Goetheanum konnte gezeigt werden, dass bereits die Einführung einer einzigen Gensequenz in Kartoffeln, Tomaten oder Sommerweizen eine Vielzahl solcher Effekte in allen Organen der Pflanzen hervorrief. Mit welchen „Nebenwirkungen“ bei Venters Bakterien zu rechnen ist, bleibt abzuwarten.
Entscheidender ist jedoch, dass hinter der medialen Hysterie ein ideologisches Programm steht. Es soll uns glauben machen, das Geheimnis der Lebewesen sei in ihren Ingredienzen, in ihrem Material versteckt und mit dem richtigen Rezeptbuch könnten Pflanzen und Tiere wie Kuchen gebacken werden.
Dagegen hat Rudolf Steiner schon vor hundert Jahren angemerkt, dass zwar die Erzeugung künstlichen Lebens technisch nicht ausgeschlossen werden könne.(3) Nie werde es jedoch möglich sein, aus den Komponenten (also aus den Zutaten in der Retorte und den Gesetzmäßigkeiten der unorganischen Natur) abzuleiten, wie dieses Lebewesen sich verhalten, wachsen oder eben – leben würde. Das Gesetz der organischen Natur ist gerade nicht Physik und Chemie, sondern die Typusidee Goethes.

Geheimnis Leben

Wer würde behaupten, Rilkes Elegien oder Dantes Divina Comedia neu geschaffen zu haben, nachdem er sie auf dem Kopierer vervielfältigt hat? Wer würde wagen, aus einer Verteilungsanalyse der Buchstabenhäufigkeit, der Wortfolgen oder der Satzstruktur den Inhalt eines Werkes herauszulesen? Der Autor muss den Sinn, die Botschaft und die Dramatik seiner Erzählung codieren, wenn er sie an Dritte weitergeben möchte. Er braucht eine Sprache, ein Vokabular. Sie sind die notwendigen Bedingungen.
So ist es auch beim Leben. Selbstverständlich brauchen Lebewesen Chromosomen, Eiweiße, Kohlehydrate und Fette, um auf dieser Welt in Erscheinung zu treten. Aber ohne die nicht reduzierbare Qualität des Lebendigen und ihre innere Aktivität wäre eine Komposition dieser Bestandteile bedeutungslos, und die Kunstwerke der Pflanzen, Tiere aber auch der menschlichen Organisation wären unmöglich. «Bislang ist der Homo faber», so schreibt der Wissenschaftsjournalist Ulrich Bahnsen, «nur ein Homo plagiator und das Leben noch ein Geheimnis.»(4)
Eigentlich – und das wäre die wirkliche Sensation – müssten die Journalisten der weltweiten Tagespresse bei aller Begeisterung schreiben, dass sich der Erfolg von Venter und seinen Mitarbeitern im Vergleich zur Schönheit, Kohärenz und Dynamik – auch des einfachsten Lebewesens – ausnimmt wie ein Erdkrümel im größten Garten.

(1) D.G. Gibson, et. al. (2010): Creation of a Bacterial Cell Controlled by a Chemically Synthesized Genome, www.scienceexpress.org/20May2010/10.1126/science.1190719.
(2) Ich habe diese Arbeiten an einer Hochschultagung der Naturwissenschaftlichen Sektion ausführlich vorgestellt und spirituelle Gesichtspunkte zu diesem Forschungsprojekt entwickelt.
(3) Rudolf Steiner: Goethes Weltanschauung (GA 6).
(4) Ulrich Bahnsen (2010): Ein Schöpfungsakt, „Die Zeit“ vom 27. Mai, Nr. 22/2010.

Quelle: Das Goetheanum – Wochenschrift für Anthroposophie, Nr. 24/2010

 

 

Vielfalterleben
Visual Gutes wachsen lassen
Ins Leben gerufen wurde die Initiative 2011 von Alnatura. Kern der Aktion war eine öffentliche Petition gegen Agro-Gentechnik, die von mehr als 100.000 Menschen unterstützt wurde. 2012 dreht sich bei Vielfalterleben alles um das Thema Saatgut und Vielfalt. Auf der Aktionswebsite www.vielfalterleben.info findet man viele Hintergrundinformationen, Tipps zum Bio-Gärtnern und alle Mitmachmöglichkeiten.