Zum dritten Mal veranstaltete der Fachbereich Wirtschaft der Alanus Hochschule einen Unternehmertag. Referenten aus den Partnerfirmen der Hochschule und Lehrstuhlinhaber diskutierten die Anforderungen an künftige Führungskräfte. Der Rektor der Alanus Hochschule und Leiter des Wirtschaftszweiges Prof. Dr. Marcelo da Veiga referierte zum Thema "Kompetenzen zu kreativem und verantwortungsvollem Handeln".
Sehr geehrte Damen und Herren!
1. Einleitung
Die Notwendigkeit, Wirtschaft immer wieder zu denken oder sogar neu zu denken, ergibt sich daraus, dass sie nicht erst seit heute gesamtgesellschaftlich in ihren verschiedenen Erstreckungen zu einem sehr dominanten Thema geworden ist. Es scheint gelegentlich sogar so zu sein, dass sie das einzig entscheidende Thema ist. Manch einer denkt wohl auch: Geht es uns wirtschaftlich gut, dann geht es uns überhaupt gut. Geht es uns wirtschaftlich schlecht, dann geht es uns überhaupt schlecht. Das ist aber sichtlich zu kurz gegriffen. Es ist eine typische Halbwahrheit, die für sich genommen schädlich werden kann. An der folgenden Zeitungsmeldung ist das erkennbar. Zeitungszitat: „Nach Protesten während einer Bundestagsdebatte sind gestern (27.04.) mehrere Demonstranten im Reichstagsgebäude festgenommen worden. Vom Dach des Parlaments aus rollten sie ein Transparent mit der Aufschrift „Der deutschen Wirtschaft“ – in Anspielung auf die Widmung über dem Hauptportal „Dem deutschen Volke“. Andere entrollten zudem im Plenum auf der Zuschauertribüne ein Transparent mit der Aufschrift „Die Wünsche der Wirtschaft sind unantastbar“ und warfen Flugblätter.“ [Bonner GA (28./29.04)] Ich möchte diese Aktion nicht für besonders wichtig nehmen, aber sie ist ein Symptom dafür, dass bei vielen Menschen immer mehr die Frage aufkommt, wem die wirtschaftliche Effizienz überhaupt dient? Was ist der Sinn der Wirtschaft? Wo bleibt da der Mensch? Welche Lebensqualität wollen wir eigentlich? Diese Fragen recht verstanden müssen wir uns stellen und sie ernst nehmen, um die Leistungen der Wirtschaft richtig schätzen zu können.
Diese Grundfragen sind nicht etwa wirtschaftsfeindlich und stellen auch keine Betriebsstörungen dar. Sie tun der Wirtschaft gut! Dass sich Unmut gegen die Wirtschaft, gegen die Globalisierung und ähnliches mehr äußert, hängt damit zusammen, dass immer wieder aus dem Blick gerät, dass die Wirtschaft nur ein Teilbereich oder Teilsystem innerhalb des Gesamtsystems der menschlichen Gesellschaft ist. Sie darf nicht bloß isoliert betrachtet werden. Die Wirtschaft kann einerseits nur dann richtig funktionieren, wenn sie nicht sachfremd staatlich reglementiert oder gar geplant und dadurch paralysiert wird, aber andererseits muss sie auch stärker im Zusammenhang mit den anderen Teilsystemen des gesellschaftlichen Organismus gesehen werden. Wir müssen hier also zugleich differenzierter und ganzheitlicher denken lernen, als es unseren Denkgewohnheiten entspricht, um so die Voraussetzungen zu schaffen, den gesellschaftlichen und sozialen Beitrag der Wirtschaft besser zu verstehen und zu würdigen. Im den folgenden Überlegungen möchte ich vor dem Hintergrund der aufgeworfenen Fragen die Verbindung von wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und kultureller Produktivität bzw. kreativer Kompetenz ins Auge fassen und zeigen, dass die Suche nach der sinnvollen Verbindung von wirtschaftlichen Werten mit Kulturwerten in der Ausbildung und in der betrieblichen Praxis zur Stärkung der sozialen Verantwortung führt und für den gesellschaftlichen Fortschritt entscheidend ist. Zum Einstieg einige kurze allgemeine Überlegungen.
2. Wirtschaft als gesellschaftliches Teilsystem
Die Aufgabe der Wirtschaft ist die Bedürfnisbefriedigung von Menschen. Die Wirtschaft organisiert die Produktion und den Vertrieb von Gütern (Waren und Dienstleistungen) nur deshalb, weil es für sie potenzielle Interessenten gibt, also Menschen, die ein Bedürfnis (Mangel) haben oder weil in ihnen durch die angebotenen Güter Bedürfnisse geweckt werden. Wirtschaft gibt es, weil der Mensch ein bedürftiges Wesen ist und weil sie in der Lage ist, diese Bedürfnisse durch geeignete Produkte zu befriedigen. Die wirtschaftliche Wertschöpfung ist an den Menschen gebunden. Losgelöst vom Menschen hat sie keinen Sinn. Würde man etwa einwenden, Tierfutter sei ein Gegenbeispiel hierfür, so ist zu erwidern, dass Hundefutter nur einen wirtschaftlichen Wert hat, weil ein menschliches Bedürfnis dahinter steht, nämlich jenes, sich Hunde zu halten. Weil der Grund der Wirtschaft die Bedürfnisse des Menschen sind, so ist der Maßstab der Wirtschaft das Wohlergehen des Menschen. Der Mensch ist der Maßstab der Wirtschaft. Jeder Mensch nimmt i. d. R. im doppelten Sinne am Wirtschaftsprozess teil: Einerseits als jemand, der an der Wertschöpfung, an der Hervorbringung von Gütern beteiligt ist, und andererseits als Konsument, also als jemand, der Güter verzehrt und verbraucht. Die Menschen arbeiten, um Waren zu erzeugen und um sich durch ein Einkommen in die Lage zu versetzen, ihre Bedürfnisse durch Kauf und Konsum zu befriedigen. Indem sie für die Warenproduktion und den Handel arbeiten und indem sie selber konsumieren, halten sie den Wirtschaftsprozess in Gang. Dass eine funktionierende Wirtschaft entscheidend für die materielle Lebensqualität und den Wohlstand in einer Gesellschaft ist, ist eine Binsenweisheit. Aber so wie ein Organ des Körpers, das hyperaktiv ist, die Funktionsfähigkeit anderer Organe und in der Folge den gesamten Organismus beeinträchtigt und stört, so führt eine ohne Umsicht und Kontextverständnis betriebene Wirtschaft auch unweigerlich zur Beeinträchtigung und Schwächung anderer Subsysteme der Gesellschaft und damit zur Minderung der Lebensqualität des ganzen gesellschaftlichen Organismus. Einseitiges, Natur zerstörendes und Menschen unwürdiges Wirtschaften gefährdet am Ende nicht nur die materielle Versorgung, sondern wird auch zur Bedrohung für den Rechtsstaat und die geistigen bzw. kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten des Menschen. Die Wirtschaft muss daher im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Ganzen gesehen und ihre Leistungen am menschlichen und gesellschaftlichen Wohlergehen - und nicht davon losgelöst - beurteilt werden. Das ist die große Herausforderung, vor der der Einzelne und die Gesellschaft immer wieder neu stehen!
3. Wirtschaft und kulturelle Produktivität
So wichtig die Wirtschaft für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die kulturelle Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft ist, muss aber auch betont werden, dass ebenso das Umgekehrte gilt: Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und die Qualität einer Volkswirtschaft setzen geistige Produktion und Kulturleistungen voraus und sie hängen auch von der Qualität und der Funktionsfähigkeit des Rechtsstaates ab. Neben den gesetzlichen Rahmenbedingungen, die die Entfaltung wirtschaftlicher Produktivität schützen und ermöglichen, hängt die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Volkes in einem hohen Maße vom Niveau der Wissenschaft, Kunst und der Fähigkeit zur Gestaltung sozialer Fragen und Zusammenhänge, also von der Sozialkultur in einer Gesellschaft ab. Wirtschaftliche Leistungen gedeihen am besten auf dem Nährboden einer regen geistig-kulturellen Produktivität und einer Sozialkultur, die die Rechte und Pflichten des Einzelnen der Würde des Menschen entsprechend regelt und schützt. Das bloße Hinschielen auf das wirtschaftliche Wachstum ohne den Blick für die Steigerung der geistigen Produktivkräfte in der Gesellschaft führt daher nicht weiter und ist ein Abweg.
Es handelt sich bei Wirtschaft und Kultur um sich wechselseitig fordernde bzw. ermöglichende Subsysteme der menschlichen Gesellschaftsbildung, deren jeweilige Freiräume und Entwicklungsräume rechtstaatlich zu schützen sind. Wer in der Wirtschaft und für die Wirtschaft zukunftgerichtet und fortschrittlich gesinnt arbeiten will, muss im hohen Maße sensibel sein für die geistige Produktivität und Leistungsfähigkeit des Menschen. Dies geschieht heute meistens nur sehr eingeschränkt mit Blick auf die Technologie und den möglichen Nutzen, den die Wirtschaft aus der Wissenschaft ziehen kann. Der technologische Fortschritt ist eng gekoppelt an den der Naturwissenschaften, so dass in der Wirtschaft ein großes Interesse an diesen Wissenschaften besteht. Die anderen Bereiche der geistigen Produktion, Philosophie, Kulturwissenschaft, Kunst etc. scheinen da eher entbehrlich zu sein und genießen nur ein nachgelagertes Interesse. Unternehmen und Unternehmer fördern zwar gerne auch Kultur- oder Kunstprojekte oder Spenden für humanitäre Zwecke. Das ist wichtig und gut! Aber es herrscht noch zu wenig Bewusstsein dafür, dass die Sache auch noch weiter und umfassender gedacht werden kann und muss. Auf eine Formel gebracht meine ich es so: Wirtschaft braucht, um mit Kant zu sprechen, als Bedingung ihrer Möglichkeit Kultur. Kultur nicht im Sinne einer Dekoration, sondern als tatsächliche Grundlage für ihr Menschen gerechtes Funktionieren. Kultur und Bildung im umfassendsten Sinne schaffen nicht nur das Verständnis für die Notwendigkeit und Wichtigkeit des effizienten Wirtschaftens, sondern sie schaffen auch die Werthorizonte und die Wertorientierungen, die die wirtschaftliche Praxis erst ermöglichen und dem wirtschaftlichen Fortschritt und dem materiellen Wohlstand ihren Sinn geben. In diesem Sinne lässt sich auch sagen: Wirtschaft beruht auf der geistigen und ethischen Leistungsbereitschaft und Produktivkraft der Einzelnen innerhalb einer Gesellschaft und ist somit selbst eine kulturelle Tat.
Die Qualität des Wirtschaftens in einer Gesellschaft ist abhängig von dem kulturellen Gesamtmilieu, in dem es geschieht. Sie hängt ab, von den ihr zugrunde liegenden Kulturwerten und Kulturleistungen insgesamt. Warum hat z. B. das Handwerk in Deutschland ein so hohes Niveau erreicht? Weil es auf einer Ausbildungskultur beruht, die über Jahrhunderte gewachsen ist. Das hohe kulturelle Niveau in Philosophie, Kunst und Literatur, das Deutschland im 18. und 19. Jh. erreicht hat, war die Grundlage für die dann nachfolgenden technologischen und naturwissenschaftlichen Entwicklungen ab der Mitte des 19. und im Verlauf des 20. Jh. und für die bahnbrechenden Erfindungen vieler deutscher Wissenschaftler. Die Denkkraft, die in den Klöstern des Mittelalters an theologischen Fragen geschult wurde, sowie die kirchlich geschaffenen Bildungsstrukturen waren die Grundlage für den intellektuellen Aufschwung der Aufklärung und der Naturwissenschaften in Europa seit dem Beginn der Neuzeit. Auf der anderen Seite ließen sich auch viele Beispiele finden, angefangen z. B. mit den Medicis in der Renaissance, die zeigen, wie wirtschaftlicher Aufschwung bei kulturbewussten Unternehmerpersönlichkeiten und Unternehmen auch kulturellen Aufschwung ermöglicht hat. Natürlich nicht in einem ursächlichen Sinne, denn Geld allein ist nicht produktiv, sondern nur dadurch, dass kulturell produktive und kreative Menschen in die Lage versetzt wurden, ihr Talent und ihre Fähigkeiten auszuleben und so Kulturgüter zu schaffen, die zum Bildungsgut und zum Kulturwert für die Allgemeinheit werden konnten.
Das Bewusstsein dafür, dass Kultur im gleichen Maße die Wirtschaft braucht wie die Wirtschaft Kultur, ist bei Kulturschaffenden und Künstlern allerdings nicht immer ausgebildet. Zuweilen stößt man hier sogar auf ein gewisses Anspruchsdenken oder auch auf Verständnislosigkeit, ja mitunter sogar auf Arroganz. Der Kulturschaffende muss aber erkennen - so schwer es ihm zuweilen auch fällt -, dass sein Wirken die wirtschaftliche Leistung anderer zur Bedingung hat. Er kann sich nämlich nur deshalb der Kunst und der Wissenschaft widmen, weil andere die Konsumgüter produzieren, die er für seine Existenzerhaltung benötigt und weil ein finanzieller Überschuss entsteht, der nicht in die wirtschaftliche Produktion zurückfließt, sondern für die Ermöglichung von geistiger Produktion freigesetzt wird. Die Abhängigkeit von wirtschaftlicher und kultureller Produktivität ist also wechselseitig.
4. Kreative Kompetenz und soziale Verantwortung: Ein neues Studienkonzept
Der obige Gedankengang dient als Grundlage zum Verständnis eines neuen Ansatzes in der Ausbildung von künftigen Führungskräften und Entscheidungsträgern in der Wirtschaft. Die Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn hat sich hier zu einem neuen Ausbildungsansatz gemeinsam mit einer Gruppe von Partnerunternehmen entschieden. Wir reden hier von einem neuartigen Bachelor of Arts: Betriebswirtschaftlehre (Business Administration).
Das Studienkonzept, das ich nun kurz vorstellen möchte, ist zunächst entstanden aus gemeinsamen Gesprächen und Überlegungen mit Unternehmensleitern wie Dr. Götz Rehn von der Alnatura GmbH und Michael Kolodziej und Prof. Götz Werner von dm-drogerie markt. Die Grundidee wurde später mit verschiedenen Fachwissenschaftlern und Künstlern beraten und ausdifferenziert. Das Studienkonzept beruht im wesentlichen auf drei Säulen:
Säule I. Die erste Säule dieses Studiengangs ist natürlich die betriebswirtschaftliche Kompetenzbildung. Die Betriebswirtschaftslehre hat sich im Laufe des 20. Jh. zu einem eigenständigen und umfassenden Wissenschafts- und Studienzweig entwickelt. Die Fragestellungen, Kenntnisse und Fertigkeiten, die sie ausmachen, bilden den wesentlichen Teil des Studiums. Der Absolvent des Studiums erhält eine Ausbildung auf universitärem Niveau, die den allgemeinen wissenschaftlichen Standards entspricht und von einer unabhängigen Akkreditierungsagentur für wirtschaftswissenschaftliche Studiengänge zugelassen und mit einem Gütesiegel versehen wurde.
Säule II. Die zweite Säule betrifft den Praxisbezug. Betriebspraktika gehören heute i. d. R. zum Studium hinzu. Das Studium der Alanus Hochschule verfolgt aber hier einen radikaleren Ansatz. Der Studierende arbeitet in der vorlesungsfreien Zeit insgesamt etwa 60 Wochen in einem Partnerunternehmen. Er arbeitet sich also regelrecht drei Jahre lang in den Betrieb ein und beide Seiten erhalten so eine ausgezeichnete Grundlage zu entscheiden, ob der Student und der Arbeitsplatz bzw. das Unternehmen zusammenpassen. Die intensiven Praxisphasen sind aber auch eine Gelegenheit für den Studenten, die in den Theoriephasen erworbenen Kenntnisse unmittelbar auf die Praxis zu beziehen, ja zu sehen, ob sie überhaupt etwas mit ihr zu tun haben. Das trifft übrigens nicht nur auf die theoretischen Studieninhalte zu, sondern auch auf die anderen Fertigkeiten, die im Studium erworben werden.
Säule III. Die dritte Säule ist nun eine große Besonderheit des Studiengangs und hängt auch mit dem Ort zusammen, an dem er stattfindet. Die Alanus Hochschule hat den Status einer Kunsthochschule gemäß dem Hochschulgesetz von NRW. Ihre verschiedenen Studiengänge der bildenden und der darstellenden Kunst sollen zur künstlerischen Produktion und zu künstlerischem Handeln befähigen. Sie hat sich in 2006 zu einer auch wissenschaftlichen Hochschule erweitert und einen Fachbereich Wirtschaft integriert, der verantwortlich ist für den in Rede stehenden Studiengang in BWL. Der Studierende der BWL verbringt nun ca. 20 % seines Studiums mit Aktivitäten, die der künstlerischen Produktion sowie kultur- und geisteswissenschaftlichen Studien gewidmet sind. Sein Ziel ist natürlich letztlich das wirtschaftliche Handeln, aber er soll dies aus einem umfassenderen Kulturverständnis und aus erweiterten kreativen Kompetenzen heraus tun lernen.
Hier liegt ein wesentliches innovatives Element: Nicht nur etwas über Kunst zu hören, sondern selber am eigenen Leib Erfahrungen mit künstlerischen Prozessen und Herausforderungen zu machen, um sie dann auf andere Bereiche zu übertragen. Wer künstlerisch handelt, tut dies in zweckfreier Art und Weise und kann daher um so stärker prozessorientiert arbeiten. Er muss aus einem inneren Formimpuls oder einer Aufgabenstellung heraus einen Stoff, eine Szene oder eine Situation gestalten. Er vollzieht diesen Gestaltungsprozess in einem bestimmten Material oder Medium, auf dessen Eigenschaften er sich aktiv einlassen muss, um mit ihm arbeiten zu können. Aber er muss das, was er als Stoff vorfindet, nicht nur hinnehmen, sondern es in etwas formen und verwandeln, was er zunächst selber nicht kennt, sondern erst im Prozess entdeckt. Dies führt zu elementaren Erlebnissen des Schöpferischen oder der Umwandlung eines vorgefundenen Stoffes in ein Neues, das dann Ausdruck wird der eigenen Formimpulse.
In solchen Übungen mit der Kunst werden wichtige Erfahrungen des Gelingens und Scheiterns, der Durchdringung des Stoffes und des Versagens am Stoff, der eigenen Fähigkeiten und Beschränkungen gemacht. Sie können dazu anregen, dass eine aktivere und produktivere Grundhaltung zu den Dingen, zu sich selbst und zum anderen Menschen entsteht. Sie sind aufweckend und mobilisierend. Übungen dieser Art, die zunächst nichts direkt mit Wirtschaft zu tun haben, befähigen den Menschen zu mehr Kreativität und Mut. Sie dienen der Schulung von kreativen Potenzialen, lassen aber auch spürbar werden, wie anspruchsvoll und herausfordernd es ist, wirklich originell und authentisch zu sein.
Die Beschäftigung mit kultur- und geisteswissenschaftlichen Themen tritt zu diesen Dingen hinzu. Es geht hierbei natürlich keineswegs darum, den Studenten der BWL mit ein paar zusätzlichen Informationen über Sokrates, Kant oder Hegel auszustatten. Auch hier ist der Inhalt nur Anlass für die Ausbildung von Fähigkeiten, nämlich Reflexionsfähigkeit allgemein und die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte intensiv und multiperspektivisch zu durchdenken. Die Philosophie beantwortet nicht einfach Fragen in griffiger Form, sondern sie ist zunächst die Entwicklung und Schulung der eigenen Denkfähigkeit in der Auseinandersetzung mit den Gedankengängen anderer. Wer philosophisch und kulturwissenschaftlich denkt, lernt umfassende Ideen und Visionen nachzuvollziehen und grundlegende Fragen zu stellen, für die es keine schnellen und leichten Antworten gibt. Er schult sich darin, sich in unterschiedliche Perspektiven hineinzudenken und so Sachverhalte von verschiedenen Seiten sehen zu lernen. Er stärkt und entwickelt dabei das Vermögen, gewohnte Denkbahnen zu verlassen und neue auszuprobieren und dabei der eigenen Beobachtung und dem eigenen Denken zu vertrauen.Die so geschulte Denk- und Beobachtungsfähigkeit ist nicht nur von Wert für das Leben im Allgemeinen, sondern sie erscheint mir insbesondere auch wertvoll und hilfreich in der Ausbildung weitsichtiger und ideenreicher Führungskräfte und Manager. Es ist höchste Zeit, dass die persönlichkeitsbildende Bedeutung und der Nutzen der Geisteswissenschaften auch in den Ausbildungen und Studiengängen der Wirtschaft stärker anerkannt und integriert werden.
5. Wirtschaftliche Effizienz und gesellschaftliche Verantwortung
Die Integration der drei Säulen in den beschriebenen Studiengang der BWL hat das Ziel, kreative Kompetenz und gesellschaftliche bzw. soziale Verantwortung auf der einen Seite und betriebswirtschaftliches Denken auf der anderen Seite besser miteinander zu verknüpfen. Denn genau so wie kulturelle Produktivität die Wirtschaft und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit erst ermöglicht, bedeuten wirtschaftliche Effizienz und die Gewinnorientierung in der Wirtschaft die Ermöglichung von kulturellen Spielräumen und gesellschaftlicher und sozialer Gestaltung. Soziales Handeln beginnt nicht erst da, wo man sich mittellosen oder bedürftigen Menschen zuwendet. Sie endet vielmehr dort, wo es nur noch darum geht, Notleidenden Linderung zu verschaffen und zu helfen. Beginnen muss sie, wo die Entstehung von wirtschaftlichem, persönlichem und sozialem Elend vermieden werden kann und muss. Und das ist im Wirtschaftsprozess selbst. Jedes Unternehmen muss effizient und gewinnorientiert arbeiten, um fortbestehen zu können. Hierfür ist heute angesichts der lokalen und globalen Herausforderungen des modernen Lebens die Befähigung der Mitarbeiter zur situativen Problemlösungskompetenz und zur Versatilität ein wichtiger Faktor und Wettbewerbsvorteil. Die Veranlagung und Pflege von entsprechenden kreativen und allgemeinen kognitiven Fähigkeiten schon in der Ausbildung erscheint mir der richtige Ansatz zu sein, um dieser Herausforderung zu genügen.
Es wird aber angesichts der wachsenden ökologischen Bedrohung und der weltweiten ökonomischen und sozialen Diskrepanzen auch immer wichtiger, den Sinn und den gesellschaftlichen Nutzen, den die Wirtschaft haben soll, stets neu zu befragen und zu denken. Es reicht definitiv nicht mehr, sich im Studium bloß damit zu beschäftigen, wie die saftigsten Gewinne mit einem minimalen Aufwand zu erzielen sind. Man muss sich auch immer mehr damit beschäftigen, was mit den Gewinnen denn Sinnvolles, d. h. für Mensch, Gesellschaft und Natur Dienliches getan werden kann. Die wirtschaftliche Effizienz, die zum Gewinn führt, wird ja leider immer noch häufig als reiner Selbstzweck gesehen. D. h. man betreibt ein Unternehmen, um Gewinne zu erzielen und man nutzt dann die finanziellen Gewinne, nur um wieder neue Gewinne zu machen usw. Das ist phantasielos und führt aus meiner Sicht zu unzähligen gesellschaftlichen Folgeproblemen. Man könnte es mal einfach mit einem anderen Gedanken probieren und sagen: Der Gewinn ist kein Selbstzweck, sondern nur das Mittel für ein Unternehmen und die daran beteiligten Menschen, weiterhin tätig zu sein und sich weiter zu entwickeln und so die Gesellschaft von Morgen zu gestalten. Dadurch bekommt das unternehmerische Handeln eine andere Ausrichtung, die ein anderes Grundklima in der Wirtschaft schaffen könnte.
Dieser Gedanke würde zur stetigen Aufforderung, darüber nachzudenken, wie das freie Kapital menschengerecht eingesetzt werden kann und welche Lebensqualität und welche Gesellschaft von Morgen wir denn gestalten wollen? Die Wirtschaft würde die Tendenz verlieren, den Menschen zu instrumentalisieren, sie würde umgekehrt durch den Menschen in seinen Dienst gestellt werden. Gewinnorientiertes Wirtschaften könnte so als Ausdruck einer aktiven sozialen Verantwortung verstanden werden. Es wäre dann die beste Prophylaxe für die Vermeidung von Bedürftigkeit und sozialem Elend. Es muss hier freilich noch viel Energie und Intelligenz investiert werden, um tatsächlich das Wohlergehen des Menschen zum Maß aller Dinge in der Wirtschaft zu machen. Gegenwärtig herrscht in der Tat die wachsende Sorge, dass der Mensch immer mehr zum bloßen Werkzeug der Wirtschaft degradiert wird. Diese Sorge ist berechtigt! Diese Gefahr ist nicht nur menschenfeindlich, sie ist auch wirtschaftsfeindlich. Denn die Wirtschaft ist nur für und durch den Menschen da, und die wirtschaftliche Entwicklung setzt die Entwicklung der menschlichen und kulturellen Potenziale voraus. Dass die soziale Verantwortung einer notwendigen Gewinnorientierung und dem Wirtschaftlichkeitsprinzip nicht widerspricht, hoffe ich mit den obigen Ausführungen gezeigt zu haben.
6. Unternehmerische Herausforderungen
Den Menschen zum Maß aller Dinge in der Wirtschaft machen, ist die große Herausforderung an das unternehmerische Handeln und die Unternehmenskultur der Zukunft. Es geht dabei nicht primär um die Kultur, die erst nach Feierabend beginnt, sondern um die Kultur, die im Unternehmen und durch das Unternehmen ermöglicht wird. Die Unternehmen müssen immer mehr Wege finden, dass sich die Mitarbeiter nicht nur als Produktionsfaktoren für einen abstrakten Unternehmensgewinn fühlen, sondern als sich entwickelnde Menschen, die durch ihren Einsatz an der persönlichen und gesellschaftlichen Lebensqualität von Morgen arbeiten. Für diese Herausforderung gibt es keine Patentlösungen und es wird auch keine geben, aber es gibt zunehmend in der Wirtschaft konkrete Beispiele dafür, wie diese Gedanken zum Bestandteil einer modernen Unternehmensentwicklung werden können. Es ist ja auch im übrigen bekannt, dass immer mehr Kundenkreise entstehen, die sensibel geworden sind für die Kulturwerte und die gesellschaftliche Verantwortungsbereitschaft eines Unternehmens. Auch wenn es noch sehr viele geben mag, die sich hierüber kaum Gedanken machen: Es wird in Zukunft immer mehr Menschen deutlich werden, dass sie mit dem Kauf eines Produktes oder einer Dienstleistung auch eine Entscheidung darüber treffen, wie die Welt von Morgen aussehen wird und welche Lebensqualität sie wollen.
Der bewusste Kunde ist eine wachsende Macht und wird am Ende mit den Unternehmen und Anbietern das Rennen machen, die die Zeichen der Zeit verstehen und die Qualitätsfrage nicht nur in Bezug auf die Produkte, sondern auch im Hinblick auf die Unternehmenskultur stellen. Das oben vorgestellte Studium der BWL an der Alanus Hochschule, das auf den beschriebenen drei Säulen aufbaut, will einen Beitrag leisten und neue Akzente setzen, was die Verknüpfung von wirtschaftlicher Effizienz und sozialer und kultureller Verantwortung betrifft. Der Studiengang wurde konzipiert, um den zukünftigen Führungskräften neben dem betriebswirtschaftlichen Know How deutlich mehr an die Hand zu geben. Wenn man schon im Studium damit beginnt, seine kreativen Potenziale zu entdecken und zu schulen und zudem zu fragen lernt, wie die Wirtschaft dem Wohlergehen des Menschen und der Gesellschaft am besten dienen kann, dann ist ein Beitrag geleistet für ein allmähliches Umdenken und Umlernen. Die am Anfang beschriebenen Proteste im Bundestag würden dann schnell verhallen, denn es würde stärker ins Bewusstsein treten, dass in der modernen kapitalistischen Wirtschaft eigentlich eine neuartige und großartige Möglichkeit verborgen liegt, die gesellschaftlichen Verhältnisse in sozialer Verantwortung engagiert zu verändern und zukunftsgerecht zu gestalten.