16.04.2007

Keine "Einzelursache" für rätselhaftes Bienensterben

Das Massensterben der Bienenpopulation in den USA sollte Anlass für einen geisteswissen- schaftlich begründeten Umweg mit dem Bienenwesen sein, empfiehlt der Wissenschaftler Johannes Wirz in seinem Artikel in "Das Gotheanum", der Wochenzeitung für Anthroposophie, herausgegeben vom Verein Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft, Dornach (Schweiz).

 

Naturwabenbau vermindert die Giftstoffbelastung (Quelle: www.oekolandbau.de / Copyright BLE 2002-2005 / Th. Stephan)
Seit Anfang März erreichen uns Berichte von einem rästelhaften Massensterben der Bienen in den USA. Kommerzielle Bienenzüchter in über 22 Bundesstaaten verloren bis zu 70 Prozent ihrer Völker. Johannes Wirz, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Naturwissenschaft- lichen Sektion am Goetheanum in Dornach,warnt davor, den sogenannten "Colony Collapse Disorder" auf nur eine Ursache zurückführen zu wollen. Stattdessen plädiert er für einen geisteswissenschaftlich begründeten Umgang mit dem Bienenwesen. Der erste Besuch bei den Bienen nach dem Winter war für die Mehrzahl der Imker in den USA ein Schock. Sie haben 60 bis 70 Prozent der Völker verloren. Neben Betroffenheit, die jeden Imker befällt, wenn er im Frühling feststellen muss, dass Völker den Winter nicht überlebt haben, macht sich in diesem Jahr auch Ratlosigkeit breit. Anders als sonst beim Zusammenbruch von Bienenvölkern lagen kaum tote Bienen in den Kästen. Lediglich blieben hie und da Königinnen mit wenigen jungen Tieren zurück. Obwohl ausreichende Honigvorräte vorhanden und viele Zellen mit Brut besetzt waren, hatten die Arbeiterinnen die Stöcke verlassen. Auffällig war auch, dass die leeren Bienenwohnungen erst nach zwei Wochen von anderen Bienen ausgeräubert und von Wachsmotten und Käfern besetzt wurden. Normalerweise erfolgen diese Ereignisse unmittelbar nach dem Zusammenbruch eines Volkes. – Der Schock sitzt tief.

 


Weiselzellen mit Königinnen. Natürliche Vermeh- rung wird praktisch nur noch im ökologischen Landbau zugelassen (Quelle: oekolandbau.de / Copyright BLE 2002-2005 / Th. Stephan). Weiselzellen mit Königinnen. Natürliche Vermeh- rung wird praktisch nur noch im ökologischen Landbau zugelassen (Quelle: oekolandbau.de / Copyright BLE 2002-2005 / Th. Stephan).
Raubbau

Viele Obstbauern fürchten nun Ertragseinbußen – auf 14 Milliarden US-Dollar jährlich wird der Nutzen der Bienen in der Frucht- und Gemüseproduktion geschätzt. Und hier liegt genau das Problem. Die Honigbiene ist Teil der industriellen Lebensmittelproduktion geworden. Königinnen werden in spezialisierten Betrieben auf Hawaii gezüchtet und in den USA Kunstvölkern mit rund 2000 Arbeiterinnen zugesetzt. Auf großen Trucks werden sie durchs Land gefahren, zur Blütezeit auf Plantagen gebracht, wo 100 bis 200 Dollar für ein Volk bezahlt werden. Weil Mehrfachbestäubung die Qualität der Früchte erhöht, werden so viele Völker aufgestellt, dass die Bienen im "Obstblütenparadies" verhungern müssten, wenn nicht regelmäßig Zuckerwasser zugefüttert würde. Ende der Saison werden die Bienen mit Gebläsen aus den Kästen geblasen und ihrem Schicksal überlassen. Sie sind ‹Material› wie Pflanz- und Erntemaschinen. Durch den globalen Handel mit Königinnen und Völkern zur "Verbesserung" der angestammten Bienenrassen erhöhen fatale Krankheiten wie die Varroa oder der Kleine Beutekäfer den Stress der Völker zusätzlich massiv.

Gifte

Nicht genug damit: In den USA ebenso wie in Europa leiden Bienen in der konventionellen Landwirtschaft unter Pflanzenschutzmitteln, mangelnden Nektarquellen und einer nicht bienengemäßen Praxis, die eher den Bequemlichkeiten und Erwartungen der Imker entgegenkommt. Und schließlich werden erste Stimmen laut, die zumindest in den USA auf einen Zusammenhang mit den Millionen Hektaren von gentechnisch veränderten Kulturen verweisen. Eine Wirkung des Bt-Toxin kann nicht ausgeschlossen werden. Trotz all dieser Detailkenntnisse kommt der Versuch, für das rätselhafte Bienensterben einen einzelnen Faktor verantwortlich zu machen, einer Verdrehung der Tatsachen gleich. Parasiten und Krankheitserreger sind nicht Ursache für das Bienensterben, sondern Folge der lebensfeindlichen Haltung, Fütterung und Zucht! Das muss nicht so sein.

 


Natürliches Schwarmverhalten der Honigbienen, meist während einer Phase des Nahrungsüber- schusses im Mai; die Königin befindet sich mitten im Schwarm (Quelle: oekolandbau.de / Copyright BLE 2002-2005 / Th. Stephan) Natürliches Schwarmverhalten der Honigbienen, meist während einer Phase des Nahrungsüber- schusses im Mai; die Königin befindet sich mitten im Schwarm (Quelle: oekolandbau.de / Copyright BLE 2002-2005 / Th. Stephan)

Wesensgemäße Imkerei

Seit Jahrzehnten arbeiten viele Imker auf Grundlage der Bienenvorträge von Rudolf Steiner (Mensch und Welt. Das Wirken des Geistes in der Natur. Über die Bienen (GA 531), Bemerkungen von Herrn Müller zum Bienenvortrag vom 10. November 1923) und einer ganzheitlichen Sicht an Alternativen. Das Spektrum von Maßnahmen ist beeindruckend:

  • Vermehrung der Völker nur dann, wenn sie schwärmen wollen
  • Verzicht auf Königinnenzucht
  • Naturbau der Waben ohne Mittelwände
  • Bekämpfung der Varroa mit organischen Säuren oder ätherischen Ölen
  • Initiativen zur Verbesserung des Blütenreichtums in der Landwirtschaft

Nicht zuletzt gelten die Bemühungen einer Vertiefung des Verständnisses der Bienen, ihrer mythologischen, kosmologischen und geisteswissenschaftlichen Bedeutung. Diese Arbeit, so unsichtbar sie bleibt, ist vielen Imkern und Imkerinnen der Quell für ihren unermüdlichen Einsatz für die Bienen. Sie stärkt die Achtung vor der offenbaren Weisheit des Bienenwesens und ist Richtschnur und innere Orientierung. Man tut gut daran, aus den Arbeitervorträgen über die Bienen, die Rudolf Steiner 1923 gehalten hat, nicht nur den Hinweis zu zitieren, «dass aber in hundert Jahren die ganze Bienenzucht aufhören würde, wenn man nur künstlich gezüchtete Bienen verwenden würde». Ins Zentrum gerückt werden müssen seine Aussagen über die geisteswissenschaftlichen Hintergründe der Bienen, ihrer Bedeutung als Bild für künftige soziale Gemeinschaftsbildung sowie die vielen praktischen Anregungen für eine nachhaltige und wesensgemäße Pflege dieser unersetzlichen Tiere.

Weiterführende Informationen

Verein für wesensgemäße Bienenhaltung: www.mellifera.de

Netzwerk blühende Landschaft: www.bluehende-landschaft.de

Patenschaften für Bienen mit der Aktion BeeGood: www.beegood.de

Der neue Weg der ökologischen Bienenhaltung: www.demeter-bw.de/imkerei_infos.php

Förderpreis Ökologischer Landbau an Demeter-Imkerei Günter Friedmann (2003): www.foerderpreisoekologischerlandbau.de/de/preistraeger/preistraeger-2003

Das Goetheanum: www.dasgoetheanum.ch