Gutes wachsen lassen
Morgens das Müsli, mittags eine Gemüsepfanne mit Reis, abends Vollkornbrot oder Baguette. Bei unseren täglichen Mahlzeiten haben wir es kaum im Bewusstsein, doch ohne »es« hätten wir kaum etwas zu essen: Saatgut ist weltweit die Grundlage für die Ernährung des Menschen und der landwirtschaftlichen Tiere.
Doch Saatgut ist auch ein Kulturgut. Ein Erbe der Menschheit, das seit Jahrtausenden von Generation zu Generation weitergegeben wird und älter ist als die Pyramiden von Gizeh! Doch mit der zunehmenden Industrialisierung der Landwirtschaft seit Beginn des vorigen Jahrhunderts findet ein dramatischer Rückgang dieser Sortenvielfalt statt. Nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO betrug der Sortenverlust in den letzten hundert Jahren über 75 Prozent. Viele Sorten werden nur noch von Liebhabern angebaut oder in Genbanken gelagert. Zugleich wird das Saatgut ein Wirtschaftsgut und Rohstoff des Biotechnologie-Zeitalters sowie der Börsen.
Zunehmende Monopolisierung
Vor einigen Jahrzehnten bemerkten multinationale Chemie- oder Agrarkonzerne, dass sich mit Saatgut, insbesondere in Kombination mit chemisch-synthetischen Spritzmitteln, Geld verdienen lässt. Daher wurden viele Züchtungsunternehmen aufgekauft. Während es vor 25 Jahren noch mindestens 7.000 Züchtungsunternehmen weltweit gab (keines mit einem globalen Marktanteil von über einem Prozent), beherrschen heute die zehn größten Agrarkonzerne über 50 Prozent des weltweiten Saatguthandels. In der Folge rücken seit Jahrzehnten bei der Saatgutzüchtung weltweit Gesichtspunkte wie Ertragsmenge, Anbaufähigkeit, Herbizidresis-tenz und Patentierung in den Vordergrund. Das Verständnis der Pflanze wird dabei von einem materialistischen Reduktionismus geprägt, der in der Gentechnik seinen Siegeszug hält.
Außen Bio, innen Konventionell?
Vor diesem Hintergrund nimmt die Gefahr zu, dass der ökologische Landbau auf eine entscheidende »Grundlage« keinen Zugriff mehr hat. Denn bisher wird nur die Vermehrung der im Öko-Landbau verwendeten Sorten unter ökologischen Bedingungen durchgeführt. Doch die Züchtung, das Schaffen neuer Sorten, findet weiterhin mit Spritzmitteln und Kunstdünger statt.
Nicht nur mögliche Abhängigkeiten sollten alle Beteiligten aufrütteln. Auch die konventionellen Züchtungsziele gehören auf den Prüfstand. Denn für die menschliche Ernährung und die Zukunft einer ökologischen, gentechnikfreien Landwirtschaft sind ganz andere Züchtungsziele wesentlich: Nahrungsqualität, Geschmack und Reifefähigkeit, regionale Sorten mit optimaler Anpassung an Klima und Boden, Vielfalt und die Anwendung ganzheitlicher Züchtungsmethoden.
Ein Anfang ist gemacht
Einige biologisch-dynamische Züchtungsinitiativen haben sich seit Mitte der 1980er Jahre gebildet und mit Idealismus und geringen Budgets Grundlagenforschung betrieben sowie erste Sorten züchterisch bearbeitet.
Inzwischen fördert der Saatgutfonds der Zukunftsstiftung Landwirtschaft über 20 ökologische GemüsezüchterInnen und sechs Initiativen in der Getreidezüchtung. Insgesamt wird an über 100 neuen Sorten gearbeitet. Etliche dieser Ökosorten stehen inzwischen LandwirtInnen und GärtnerInnen zur Verfügung. Hinsichtlich Qualität und Geschmack werden bei Untersuchungen von Universitäten und staatlichen Stellen den Ökosorten gute Ergebnisse bescheinigt. Dies spiegelt sich auch in den vielfachen Auszeichnungen, die diese Projekte in den vergangenen Jahren erhielten, wider.
Ökologische Züchtung – eine Investition in die Zukunft
Die Entwicklung einer einzigen Sorte kostet mindestens 600.000 Euro und dauert zehn Jahre. Wer daher in 15 Jahren ein gutes Brot oder wohlschmeckende und vitalreiche Gemüse essen will, der muss sich heute engagieren und um die Herkunft des Saatgutes kümmern. Zumal, wenn sie ohne bio- und gentechnische Methoden erzeugt sein sollen. Die Gefahren der Gentechnik und den Verlust der Vielfalt anzuprangern, ist nicht genug. Daran ändern können alle etwas – vom Landwirt über Verarbeiter und Händler bis zum Kunden –, wenn sie aktiv werden. Eine entscheidende Rolle spielt dabei natürlich auch die Finanzierung.
Seit 1996 hat der Saatgutfonds durch über 3.500 Spender-Innen und in enger Zusammenarbeit mit anderen Stiftungen und Unternehmen wie Alnatura über 3,5 Mio. Euro für die ökologische Züchtungsforschung bereitgestellt. Dies ist erst ein Anfang, denn viele Forschungs- und Entwicklungsfragen konnten noch nicht aufgegriffen werden. Doch für eine eigenständige ökologische Pflanzenzucht ist es fünf vor zwölf! Denn so wie Strom nicht einfach aus der Steckdose kommt, kommt Saatgut nicht einfach nur aus dem Sack.
1996 wurde der Saatgutfonds auf Initiative eines Stifters und der GLS Treuhand e.V. gegründet, um ökologische Züchtungsinitiativen zu unterstützen.
Über aktuelle Entwicklungen auf dem Saatgutmarkt und in der Ökozüchtung informiert 2-mal jährlich der kostenlose Saatgutfonds-Infobrief.
Mehr Informationen unter http://www.zs-l.de/
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