Ralf Lilienthal – Gärtner, Journalist, Schriftsteller und Kursleiter – lädt Sie ein, die Natur einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten.
Eine ganz normale Balkonpflanze? Was ist schon normal! Ich weiß, dass Ihr Bio-Gärtner es schick findet, Eure einheimischen Pflanzen auf ein paar Quadratmeter Höhen-Luft-Garten zu holen. Ja, ja, Obst auch und Gemüse und Kräuter. Hat ja auch keiner was dagegen. Wirklich nicht. Seitdem mein Balkonbesitzer »naturgemäß« gärtnert, ist hier oben nämlich echt was los.
Keine Interviews bitte! Warum nicht? Was hab ich denn groß zu erzählen? Ich bin doch nur eine einfache Arbeiterin. Keine Liebesabenteuer. Keine Poesie. Nur füttern und fliegen und sammeln und Wache halten. Außerdem wäre mir lieber, ein paar von meinesgleichen wären dabei. Warum? Alleine fühle ich mich … unvollständig. Das ist bei uns nun mal so. Sagen wir mal – Zusammengehörigkeitsgefühl. Einer für alle. Alle für einen.
Wohin ich jetzt gerade fliege? Oh! Ich sage nur Phacelia. Nie gehört? Bildungslücke. Eine Gründüngungspflanze. Ihr sagt auch Bienenfreund dazu oder Büschelschön. Blüht violett, duftet süß und würzig und ist einfach unwiderstehlich. Dort hinten, auf dem kleinen Acker des Bio-Bauern. Unser Imker stellt hier immer seine Stöcke auf.
Nein, wir sind nicht sauer auf ihn, wenn er Honig erntet. Das ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Er baut uns Wohnungen, füttert uns in kargen Zeiten, trägt uns zu den besten Nektar- und Pollenrevieren, bekämpft die grausame Varroamilbe. Und wir geben ihm unseren Honig. Das geht schon in Ordnung.
Eine Botschaft an die Leser? Zuerst wollte ich gar nicht antworten, und jetzt habe ich schon fast einen Vortrag gehalten. Was wollen Sie hören? Esst mehr Honig? Pflanzt mehr Bienentrachtpflanzen? Sprüht kein Gift? So was in der Art? Doch, ich weiß eine Botschaft: Denkt darüber nach, was ihr ohne uns machen würdet! Weniger Bienen, weniger befruchtete Blüten, weniger Obst und Gemüse. Denkt darüber nach! Also, ich muss weiter, die Kollegen warten.
Wo ich hin will? Na, zum Pool. Ach, Sie glauben auch alles! Nein, natürlich an den ollen Tümpel unten im Tal, wie jedes Jahr. Frosch? Lernt Ihr Blassgesichter das denn nie? Frösche haben eine glatte, glitschige Haut und sind meist gute Springer. Wir Kröten sind warzig und trocken und gehen recht gemächlich unserer Wege – wir watscheln, um genau zu sein. Und das würde ich jetzt gerne weiter tun. Mitkommen? Meinetwegen, Hauptsache Sie passen auf, wo Sie hintreten.
Schön, dass Sie mich endlich einmal wahrnehmen! Und ich beantworte auch liebend gerne Ihre Fragen. Langeweile? Nennen wir es einmal: Unterforderung. Ein Leben da draußen wäre gewiss spannender, aber – natürlich – auch gefährlicher. Kalte Winter, trockene Sommer und dazwischen ein paar Monate, in denen man sich um Fortpflanzung und Wintervorräte kümmern muss. Allerdings kenne ich das alles nur vom Hörensagen. Auch mal versuchen? Ich? Nein, danke! Das wäre mir zu aufregend.
Was sagten Sie? Ob ich eine »Möhre« bin? Naja, und was sind dann Sie, ein »Zweibeiner «? Nein, nein, etwas genauer wäre schon wünschenswert. Ich bin eine Bio-Möhre. Und nicht irgendeine! Eine neue Zuchtsorte. Demeter-Saatgutzüchtung, wenn Sie verstehen, was ich meine. Aus den Besten, als eine der Allerbesten ausgelesen und für gut befunden worden. Ich habe sogar einen Namen, den man sich merken sollte: Rodelika! »Besonders aromatisch« heißt es über mich – nun ja, die werden schon wissen warum, keine falsche Bescheidenheit!
Hier unten bin ich, im Schatten der Seerose. Genau. Ihr nennt uns Moderlieschen – der Name passt ganz gut. Also, worum geht’s? Meine Meinung? So ganz allgemein? Oh, wir kriegen schon einiges mit hier unten! Beispiele? Fangen wir mit den weniger netten an. Kunstdünger und Gülle. Wenn die Bauern zu viel davon auf ihre Äcker packen und das Zeug ins Wasser gespült wird, dann vergeht uns hier unten buchstäblich der Atem – vom Gift, das aus manchem Abwasserkanal kommt, ganz zu schweigen. Ach, Ihr kauft Bio- Lebensmittel? Okay, ein Punkt für Euch.
Würden Sie die Güte haben, die Wurzel wieder umzudrehen? Die Sonne ist noch immer ziemlich kräftig, und ich habe es gerne feucht und dunkel. So? Und warum wollen Sie mit mir sprechen? Wissbegier? Erfahren, was die anderen Evolutionsgefährten so treiben? Nun ja, warum nicht?
Ein Interview, bei der Kälte? Nun ja, wenn es Sie nicht stört, dass ich dabei weiteresse … mh, jamm … Genau, eine Kohlmeise bin ich. In den Süden? Ich bitte Sie! Viel zu anstrengend. Und warum auch? Wissen Sie, ich bin nicht wählerisch. Samen, Beeren und Knospen. Hier und da ein Käferchen. Oder eine Futterstelle wie diese hier. Mmmhh. Sonnenblumenkerne, Haferflocken und alles im weichen, schmelzenden Kokosfett. Das muss man Ihren Artgenossen lassen, sie wissen, was gut schmeckt!
Entschuldigung, was … uaahhh … haben Sie gesagt? Mit mir sprechen Sie? Ach je, guter Mann, doch nicht um diese Zeit. Es geht auf den Winter zu, und ich bin … uaahhh … Verzeihung, schreck lich müde. Eigentlich sollte ich schon längst in meinem Winterquartier sein und ein paar Gänge zurückschalten. Aber es ist so mild geworden, dass ich noch ein paar Würmchen verputzen werde – je mehr Fleisch auf den Rippen, desto besser.
Was gucken Sie so? Noch nie einen Maulwurf gesehen? Stimmt, eigentlich sieht man uns eher selten. Aber diesen rührseligen Blick können Sie sich trotzdem sparen. Auch wenn mein Fell weich und glänzend ist und meine Rüsselnase witzig aussieht: Ich bin kein Kuscheltier. Nicht nur, weil ich eure ordentlichen Gärten zerwühle. Mit mir ist überhaupt nicht gut Kirschen essen. Und von wegen Kirsche – ich bin das Gegenteil eines Vegetariers. Ich fresse täglich mein Eigengewicht an Würmern, Larven und allem, was mir vor meine feine Nase kommt.
Hallo? Wer ruft da nach mir? Soso, ein Mensch. Sie wollen ein Interview? Mutig, mutig! Also gut, legen Sie los. Sie können mich nicht sehen? Wo ich bin? Überall. Und nirgends. Ich bin der Druck auf Ihren Körper, der Wind in den Bäumen, der sanfte Frühlingsregen, die brennende Hitze und der klirrende Frost. Ich bin alles und nichts. Ich bin das, was dazwischen ist. Ein wenig nervös und immer für eine Überraschung gut. Kurz: Ich bin das Wetter.
Und manchmal bin ich … wie soll ich sagen? Stürmisch. Heftig. Extrem. Maßlos. Ob mir das Spaß macht? Ob ich gerne Angst und Schrecken verbreite? Wen interessiert das? Stich einem Löwen ins Auge, klau Honig aus der Bienenwabe, iss Fliegenpilze und du forderst das Unvermeidliche heraus. Was ich damit sagen will? Ihr Menschen seid Komiker! Verbrennt Millionen Tonnen von Kohle, Öl und Gas, zerlöchert die Ozonschicht, holzt eure Wälder ab, staut eure Flüsse, vergiftet eure Meere. Und dann denkt ihr, ich mag euch nicht. Ich ärgere euch. Ich bin gefährlich. Nein, Freunde, es ist viel simpler. Ihr habt bestellt, und ich liefere. Ihr habt euren Einkaufswagen vollgepackt, und jetzt steht ihr an der Kasse und müsst bezahlen.
Mitleid? Oh, es ist zum Heulen. Eure Kinder tun mir leid. Die Armen in den Ländern des Südens tun mir leid. Die Inuit im Norden tun mir leid. Die Tiere und Pflanzen tun mir leid. Sie löffeln aus, was die in den Ländern mit den hohen Schornsteinen, den Fabriken und Feueröfen ihnen eingebrockt haben. Mein Rat? Handeln, nicht reden. Mehr nicht? Nein, mehr nicht. Mehr nicht …
»Hey, Quecke, da quatscht einer!«
Ja, ja, bücken müssen Sie sich schon, wenn wir zwei auf Augenhöhe miteinander sprechen wollen – schließlich bin ich nicht mehr als eine flache Rosette. Besser gesagt: Wir sind viele Rosetten, sollten Sie einen Salat aus uns machen wollen.
Hey! Ja, Sie! Lassen Sie mich nicht hier im Korb liegen. Auch wenn ich schmuddelig aussehe und Sand und Erde von mir abfallen und auf Ihre Tische krümeln – das täuscht! Denn wenn Sie mich mit Wasser und einer Gemüsebürste abwaschen, entpuppe ich mich nämlich als eine wahre Blume der Küche. Ja, wirklich. Eine handfeste Blume, aber eine Blume. Einzigartig gefärbt. Wie? Orangegelb! Wenn Sie mich gegen das Licht halten, sogar leuchtend orange! Ich bin wirklich ein gutes Kontrastprogramm zu Grünem und Gelbem und Dunklem. Im Salat. Zu Kartoffeln, zum Steak und so weiter. Selbst beim Kochen bleiche ich kaum aus. Und wenn einer von Ihnen das kann, dann kann man aus mir sogar kleine Blüten schnitzen. Spielerei? Ja, aber eine nette. Aber ich will ja auch gar nicht, dass Sie mit mir spielen. Schließlich möchte ich gegessen werden. Und das geht gekocht und sogar roh. Eine ausgereifte, frisch geschälte, süße Bio-Möhre von der Hand in den Mund, das ist einfach nur lecker. Und dann noch ein Geheimnis – Menschen lieben Geheimnisse! – ich bin ein Gemüse mit Herz. Wirklich wahr! Schneiden Sie mich längs auf. Das Helle unten, in der Mitte, das ist mein Herz, auch Holzkörper genannt. Und Saft können Sie auch aus mir machen. Und Sauerkonserven. Und, und, und … also, nehmen Sie mich mit?
Lauch? Porree? Porree? Lauch? Eigentlich ist es mir egal, wie Sie mich nennen. Obwohl … einer meiner selteneren Namen gefällt mir wirklich gut: Beißlauch! Schließlich habe ich schon so manche sensiblere Seele beim Putzen und Zerkleinern zum Weinen gebracht! Die Botaniker sagen übrigens Allium porrum zu mir, woran man schon sehen kann, wer sonst noch zu unserem Clan gehört, nämlich Cousine Zwiebel, Allium cepa, Cousin Schnittlauch, Allium schoenoprasum, und … aber was erzähle ich da für einen gelehrten Quatsch!
Ach nee, ist es schon wieder so weit? Kaum hat man seine prächtigen Blätter entfaltet und in den Himmel gehoben, kommen Sie daher und rupfen und schneiden sie samt Stiel wieder heraus, wie es Ihnen gerade beliebt. Da kann man noch so sauer schmecken, das macht Ihnen gar nichts aus, und Sie rupfen trotzdem weiter – kein Wunder, wenn ich am Ende noch saurer werde.
Nein, liebe Leute, es geht mir nicht darum, einfach nur dicker und dicker zu werden. Das ist so ähnlich wie bei euch Menschen. Es kommt beim Kopf nicht darauf an, wie groß er ist, sondern darauf, ob was Gescheites drin ist! Was ich damit meine? Hach je, als Bio-Kohl achtet man eben auf seine inneren Werte. Ausgereifte Eiweiß-Strukturen, ausgewogene Aromastoffe und so.