Aus der Sicht von ...

Ralf Lilienthal – Gärtner, Journalist, Schriftsteller und Kursleiter – lädt Sie ein, die Natur einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten.

 

Ansichten einer Balkonpflanze
 

 

Eine ganz normale Balkonpflanze? Was ist schon normal! Ich weiß, dass Ihr Bio-Gärtner es schick findet, Eure einheimischen Pflanzen auf ein paar Quadratmeter Höhen-Luft-Garten zu holen. Ja, ja, Obst auch und Gemüse und Kräuter. Hat ja auch keiner was dagegen. Wirklich nicht. Seitdem mein Balkonbesitzer »naturgemäß« gärtnert, ist hier oben nämlich echt was los.

Wildbienen, Grashüpfer, Blattlauslöwen, Schmetterlinge – im letzten Jahr war sogar ein Taubenschwänzchen da, so ein Falter, der wie ein Kolibri in der Luft steht und mit seiner Saugröhre aus den Geranien Nektar getrunken hat. Hat mich fast ein wenig melancholisch gestimmt. Warum? Keine Ahnung, wo ich herkomme, was? Na, was bin ich denn? Richtig, eine Fuchsie. Und woher kommen wir Fuchsien? Nun? Nein, nicht aus Afrika. Aus Südamerika. Und wo leben Kolibris? Na also! Ich würde zu gerne einmal einen Kolibri sehen. Dieses Flirren und Sirren, die schillernden Farben, das Kitzeln, wenn er seinen feinen Schnabel in meine Blütenröhren tippt. Naja. Geht eben nicht.

Warum Sie mich auf Ihren Balkon einladen sollten? Meine Vorzüge? Ach Gottchen … wer es nicht sieht, wie soll man es ihm beschreiben? Nun gut. Ich blühe durch, sogar im Halbschatten, solange der Boden feucht ist. Sie können mich überwintern. Durch Stecklinge vermehren. Und an geschützten Standorten sogar auspflanzen. Vor allem aber bin ich ein Stückchen Südamerika auf Ihrem Balkon, das von Kolibris träumt und Sie auf diese Reise mitnehmen kann. Wenn Sie wollen.
Ansichten einer Fleißigen
 

 

Keine Interviews bitte! Warum nicht? Was hab ich denn groß zu erzählen? Ich bin doch nur eine einfache Arbeiterin. Keine Liebesabenteuer. Keine Poesie. Nur füttern und fliegen und sammeln und Wache halten. Außerdem wäre mir lieber, ein paar von meinesgleichen wären dabei. Warum? Alleine fühle ich mich … unvollständig. Das ist bei uns nun mal so. Sagen wir mal – Zusammengehörigkeitsgefühl. Einer für alle. Alle für einen.

Wohin ich jetzt gerade fliege? Oh! Ich sage nur Phacelia. Nie gehört? Bildungslücke. Eine Gründüngungspflanze. Ihr sagt auch Bienenfreund dazu oder Büschelschön. Blüht violett, duftet süß und würzig und ist einfach unwiderstehlich. Dort hinten, auf dem kleinen Acker des Bio-Bauern. Unser Imker stellt hier immer seine Stöcke auf.

Nein, wir sind nicht sauer auf ihn, wenn er Honig erntet. Das ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Er baut uns Wohnungen, füttert uns in kargen Zeiten, trägt uns zu den besten Nektar- und Pollenrevieren, bekämpft die grausame Varroamilbe. Und wir geben ihm unseren Honig. Das geht schon in Ordnung. 

Eine Botschaft an die Leser? Zuerst wollte ich gar nicht antworten, und jetzt habe ich schon fast einen Vortrag gehalten. Was wollen Sie hören? Esst mehr Honig? Pflanzt mehr Bienentrachtpflanzen? Sprüht kein Gift? So was in der Art? Doch, ich weiß eine Botschaft: Denkt darüber nach, was ihr ohne uns machen würdet! Weniger Bienen, weniger befruchtete Blüten, weniger Obst und Gemüse. Denkt darüber nach! Also, ich muss weiter, die Kollegen warten.

Ansichten einer Kröte
 

 

Wo ich hin will? Na, zum Pool. Ach, Sie glauben auch alles! Nein, natürlich an den ollen Tümpel unten im Tal, wie jedes Jahr. Frosch? Lernt Ihr Blassgesichter das denn nie? Frösche haben eine glatte, glitschige Haut und sind meist gute Springer. Wir Kröten sind warzig und trocken und gehen recht gemächlich unserer Wege – wir watscheln, um genau zu sein. Und das würde ich jetzt gerne weiter tun. Mitkommen? Meinetwegen, Hauptsache Sie passen auf, wo Sie hintreten.

Nein, ich bin nicht jung. Auch nicht klein. Wir Männer werden nicht größer. Unsere Liebsten schon. Sie haben eben zwei von uns gesehen? Huckepack? Ach der Glückliche, dass er eine abbekommen hat! Er saß oben, und sie hat ihn bis zum Tümpel getragen. Gibt nämlich nicht so viele Krötendamen. Wir Kerle müssen uns ganz schön anstrengen, um eine zu finden. Ob wir im Teich leben? Ein, zwei Wochen. Sobald die Damen ihre Laichschnüre um die Wasserpflanzen geschlungen haben, geht’s zurück an Land.

Wo ich wohne? Ich hab’ eine schicke Souterrainwohnung unter einer alten Bruchsteinmauer. Hinten raus ein Friedhof, vorne ein Schulgarten – biologisch gepflegt! Vom Feinsten, sag’ ich Ihnen. Saftige Schnecken, fette Larven und Würmer. Sicherlich, manchmal kommt ein Menschenkind, hebt mich mit seinen Patschehänden hoch und ruft seine Lehrerin. Zwanzig Kinder glotzen mich dann an und es heißt »Oh« und »Ieh« und »Ah«. Aber ich hab’ mich dran gewöhnt. Und wenn sie meine schönen, goldenen Augen bewundern – das gefällt mir! Oh, wir sind schon da! Brrr, ist das kalt. Aber was sein muss, muss sein.
Ansichten einer Unterforderten
 

 

Schön, dass Sie mich endlich einmal wahrnehmen! Und ich beantworte auch liebend gerne Ihre Fragen. Langeweile? Nennen wir es einmal: Unterforderung. Ein Leben da draußen wäre gewiss spannender, aber – natürlich – auch gefährlicher. Kalte Winter, trockene Sommer und dazwischen ein paar Monate, in denen man sich um Fortpflanzung und Wintervorräte kümmern muss. Allerdings kenne ich das alles nur vom Hörensagen. Auch mal versuchen? Ich? Nein, danke! Das wäre mir zu aufregend.

Die Höhepunkte eines Topfpflanzenlebens? Mit etwas Glück findet man ein Heim, in dem man gemocht wird. Kinder sind nicht schlecht. Vor allem aber Zimmer gärtner mit grünem Daumen. Die sehen, was ihren Schützlingen fehlt. Haben einen Blick für uns. Richtig spannend ist es, wenn eine Fensterbank international besetzt ist. Vor ein paar Jahren stand ich einmal neben einer Orchidee aus Feuerland … Was? Nein, sie ist auch in einer Gärtnerei groß geworden. Aber in jeder von uns steckt die Welt, aus der wir stammen, noch irgendwie drin. Und jede Menge Geschichten. Die werden von Generation zu Generation weitergegeben. Stellen Sie sich vor, einer meiner Vorfahren hat noch Braunbären gesehen! Und Luchse und Steinadler. Das stelle ich mir wirklich schön vor.

Was? Nein, ich träume nur … Was Sie mir Gutes tun können? Umtopfen! Bitte sehen Sie sich nur meine Wurzeln an, die ringeln sich schon in zwei Lagen um den Topfboden. Und bitte: biologische Blumenerde, vielleicht ein wenig Sand und Kalkgrus. Was? Oh, gern geschehen! Spre chen Sie ruhig öfter mit mir – Pflanzen mögen das. Wirklich!
Ansichten einer Unterirdischen
 

 

Was sagten Sie? Ob ich eine »Möhre« bin? Naja, und was sind dann Sie, ein »Zweibeiner «? Nein, nein, etwas genauer wäre schon wünschenswert. Ich bin eine Bio-Möhre. Und nicht irgendeine! Eine neue Zuchtsorte. Demeter-Saatgutzüchtung, wenn Sie verstehen, was ich meine. Aus den Besten, als eine der Allerbesten ausgelesen und für gut befunden worden. Ich habe sogar einen Namen, den man sich merken sollte: Rodelika! »Besonders aromatisch« heißt es über mich – nun ja, die werden schon wissen warum, keine falsche Bescheidenheit!

Was ich jetzt im Winter mache? Schlafen? Nein, ich ruhe. In der Erde, außerhalb der Erde – egal, Hauptsache es ist dunkel, ein bisschen feucht und kühl. Blühen? Interessiert mich nicht. Wer blühen will, soll sich eine Wiese suchen, wie unsere wilde Verwandtschaft. Die haben dann volles Programm: Keimen, Wachsen, Winterruhe, Blüte, Frucht und Samen. Und das ganze Fliegen- und Käfervolk. Schädlinge? Möhrenfliegen! Aber mein Bauer macht das ganz clever: Eine Mischkultur mit Porree, Schnittlauch und Zwiebeljauche, riecht ein wenig streng – aber wenn’s hilft! Meine Zukunft? Schrumpeln wäre fatal – wie sähe das denn aus?

Ansonsten war es das. Ich bin jetzt orange, saftig und süß! Und das alles mit einem unscheinbaren Blattwuschelkopf und dem Rest im Dunkeln! Hab’ keine Show gemacht und bin überhaupt ziemlich anspruchslos. Leichter Boden, Sonne und Regen. Am liebsten Komposterde. Kunstdünger? Geschmacklos! Stattdessen Beharrlichkeit und Geduld. Und – ganz altmodisch – viel Liebe zur Sache.
Ansichten eines Fisches
 

 

Hier unten bin ich, im Schatten der Seerose. Genau. Ihr nennt uns Moderlieschen – der Name passt ganz gut. Also, worum geht’s? Meine Meinung? So ganz allgemein? Oh, wir kriegen schon einiges mit hier unten! Beispiele? Fangen wir mit den weniger netten an. Kunstdünger und Gülle. Wenn die Bauern zu viel davon auf ihre Äcker packen und das Zeug ins Wasser gespült wird, dann vergeht uns hier unten buchstäblich der Atem – vom Gift, das aus manchem Abwasserkanal kommt, ganz zu schweigen. Ach, Ihr kauft Bio- Lebensmittel? Okay, ein Punkt für Euch.

Richtig schlimm war es früher. Da wurden Tümpel wie dieser hier einfach zugeschüttet, wenn sie den Traktoren im Weg waren. Aber, das muss man euch lassen, inzwischen gibt es genug Menschen, die sich für uns und unsere Gewässer einsetzen, und das Wasser der Bäche und Flüsse wird auch wieder besser.

Vor zwei, drei Monaten, da ging es hier einmal hoch her. Kinder haben dicke Steine ins Wasser geworfen. Nicht gerade ein Vergnügen für meine Schwimmblase. Dann kam eine Frau und hat mit den Kindern gesprochen. Doch, wir hören gut. Wasser ist nämlich ein guter Schallleiter. Jedenfalls hat sie nicht etwa mit den beiden Jungs geschimpft. Nein, sie hat einen Käscher genommen, einen Cousin von mir heraufgeholt und den beiden gezeigt. Er ist richtig rot geworden, so nette Worte hat sie über ihn gesagt. Die Kinder haben ihn mit großen Augen angestaunt. Seitdem sind sie fast jede Woche zum Gucken hier. Liegen dann immer am Ufer und schauen uns zu. Die werfen nie wieder Steine ins Wasser. Also dann, man sieht sich!
Ansichten eines Nützlichen
 

 

Würden Sie die Güte haben, die Wurzel wieder umzudrehen? Die Sonne ist noch immer ziemlich kräftig, und ich habe es gerne feucht und dunkel. So? Und warum wollen Sie mit mir sprechen? Wissbegier? Erfahren, was die anderen Evolutionsgefährten so treiben? Nun ja, warum nicht?

Das Leben unter der Erde? Es gibt Schlimmeres. Nein, im Ernst, im Leben hat alles zwei Seiten. Knochenharter Lehmboden, Steinäcker, matschige Wiesen – grässlich, sag ich Ihnen. Entweder man drückt sich die Nase platt, man vertrocknet oder droht zu ersaufen. Humusreicher Waldboden, kompostdurchsetzte Bio-Gartenerde, Gründüngungsäcker – ein Schlaraffenland, durch nichts getrübt, es sei denn, der spitzmäulige Wühler, ihr nennt ihn Maulwurf, ist auf der Jagd.

Überhaupt! Als Regenwurm muss man jeden Augenblick genießen. Wer ist nicht alles hinter uns her: Amseln, Igel, Reiher, Frösche – sogar Füchse sind sich nicht zu schade, unsereinen zu verspeisen. Aber wie gesagt: Carpe diem!

Nützlich? Und ob wir das sind! Eure Äcker und Gärten wären ohne uns nicht halb so fruchtbar. Wir durchmischen und belüften den Boden. Wir ziehen altes Laub in die Erde. Wir graben uns tief in den Boden und schaffen Platz für die Wurzeln der Pflanzen. Wir sorgen durch unseren Darm für feinste Erde – es sei denn, ihr vergiftet eure Böden.

Das war’s? Gut. Also dann, bitte wieder zudecken. Moment! Können Sie Ihren Leuten noch eins ausrichten? Wir Regenwürmer leben nicht weiter, wenn man uns in zwei Teile teilt! Manchmal heilt eine Verletzung am Schwanzende wieder, aber wirklich nur manchmal.
Ansichten eines Piepmatzes
 

 

Ein Interview, bei der Kälte? Nun ja, wenn es Sie nicht stört, dass ich dabei weiteresse … mh, jamm … Genau, eine Kohlmeise bin ich. In den Süden? Ich bitte Sie! Viel zu anstrengend. Und warum auch? Wissen Sie, ich bin nicht wählerisch. Samen, Beeren und Knospen. Hier und da ein Käferchen. Oder eine Futterstelle wie diese hier. Mmmhh. Sonnenblumenkerne, Haferflocken und alles im weichen, schmelzenden Kokosfett. Das muss man Ihren Artgenossen lassen, sie wissen, was gut schmeckt!

Ob wir zu sehr verwöhnt werden? Papperlapapp. Sehen Sie dort, das Fenster mit den Papiersternen und dem Schneemann? Dahinter wohnt ein kleines Mädchen. Wenn sie uns beim Klettern und Naschen zuguckt, turnen wir besonders gewagt an den Töpfen und Ringen herum. Das Lächeln sollten Sie sehen und die leuchtenden Augen!

Und soll ich Ihnen noch etwas sagen? Sekunde. Mhjamm. Ach, ist das gut! Die Leute hier sind Bio-Gärtner. Kein Gift, kein Kunstdünger! Da bleibe ich im Frühjahr doch gleich hier und meine Frau auch und später unsere Kleinen. Überall Sträucher und Bäume und Nistkästen. Und vor allem: Räupchen und Würmchen genug, um eine ganze Familie satt zu kriegen. Und weil wir so fleißig sind, kann das kleine Krabbelzeug sich nicht vermehren und lässt all die schönen Blumen und das Gemüse und das Obst in Ruhe. Fast. Ein wenig Schwund ist schließlich immer.

Also dann. Ich werd nun mal zu meinem Schlafstrauch fliegen. Es wird bald dunkel, und Nachbars Katze ist unterwegs. Obwohl, ein Sonneblumenkernchen gönne ich mir noch!
Ansichten eines Stacheligen
 

 

Entschuldigung, was … uaahhh … haben Sie gesagt? Mit mir sprechen Sie? Ach je, guter Mann, doch nicht um diese Zeit. Es geht auf den Winter zu, und ich bin … uaahhh … Verzeihung, schreck lich müde. Eigentlich sollte ich schon längst in meinem Winterquartier sein und ein paar Gänge zurückschalten. Aber es ist so mild geworden, dass ich noch ein paar Würmchen verputzen werde – je mehr Fleisch auf den Rippen, desto besser.

Frost und Schnee? Ich kann ein Lied davon singen! Es war der Winter nach meiner Geburt. Ich hatte nicht genug gefressen, und es wurde schon sehr früh kalt. Wie ich trotzdem …? Das hab ich euch Zweibeinern zu verdanken. Ein paar Naturschutzkinder haben mich mitgenommen und in ihrer Station aufgepäppelt. Oh, es war angenehm dort. Nicht zu kalt, … uaahhh … in Ruhe gelassen wurde man auch – ein richtiger Kuraufenthalt. Inzwischen überwintere ich im Garten einer Waldorfschule. Kein Gift, viel Futter. Und immer ein Reisighaufen, unter den ich mich zum Schlafen zurückziehen kann.

Einen Schluck Milch? Danke, nein! Ich weiß, das macht ihr Menschen gerne, aber Milch ist für uns Igel schlecht zu verdauen. Katzenfutter, Hundefutter, das lasse ich mir gefallen. Es gibt inzwischen sogar Igelfutter … aber eigentlich kümmern wir uns ganz gerne selbst um unsere Mahlzeiten. Nein, nein, wenn Sie uns helfen wollen, räumen Sie nicht jede Ecke in Ihrem Garten ratzeputz auf. Altes Laub, Zweige und Wurzeln – damit wir genug zu fressen und … uaahhh …, ’tschuldigung, Material für unsere Wohnungen finden können.
Ansichten eines Tunnelbauers
 

 

Was gucken Sie so? Noch nie einen Maulwurf gesehen? Stimmt, eigentlich sieht man uns eher selten. Aber diesen rührseligen Blick können Sie sich trotzdem sparen. Auch wenn mein Fell weich und glänzend ist und meine Rüsselnase witzig aussieht: Ich bin kein Kuscheltier. Nicht nur, weil ich eure ordentlichen Gärten zerwühle. Mit mir ist überhaupt nicht gut Kirschen essen. Und von wegen Kirsche – ich bin das Gegenteil eines Vegetariers. Ich fresse täglich mein Eigengewicht an Würmern, Larven und allem, was mir vor meine feine Nase kommt.

Ich bin auch kein Familientyp. Gut, wenn bei uns Maulwürfen die Frühlingsgefühle aufkommen, dann lassen wir Jungs die Mädels ganz gerne in unsere großen Reviere. Aber nur die! Ansonsten gilt: Es kann nur einen geben! Wehe, ein Störenfried verirrt sich in mein Reich. Dann fahre ich meine Krallen aus, und es geht zur Sache. Ja, manchmal bleibt der Schwächere dabei auch auf der Strecke.

Was Nettes? Warum? Es müssen nicht alle nett sein. Interessant, da können wir drüber reden. Zum Beispiel bin ich ein recht begabter Tunnelbauer. Und ich bin schnell. Wenn ich wie eine U-Bahn durch meine Jagdröhre flitze, schiebe ich eine Druckwelle vor mir her. Die trifft dann auf ein Objekt, wird wieder reflektiert und streicht mir über meine Sinneshaare. Das Ergebnis? Ich kann genau sagen, was da vor mir los ist: ein leckerer Wurm, ein störender Artgenosse oder ein gefährliches Wiesel – also Angriff oder Flucht! Kompliziert? Ja dann suchen Sie sich doch einen anderen Depp, den Sie nerven können. Tag auch!
Ansichten eines Wechselhaften
 

 

Hallo? Wer ruft da nach mir? Soso, ein Mensch. Sie wollen ein Interview? Mutig, mutig! Also gut, legen Sie los. Sie können mich nicht sehen? Wo ich bin? Überall. Und nirgends. Ich bin der Druck auf Ihren Körper, der Wind in den Bäumen, der sanfte Frühlingsregen, die brennende Hitze und der klirrende Frost. Ich bin alles und nichts. Ich bin das, was dazwischen ist. Ein wenig nervös und immer für eine Überraschung gut. Kurz: Ich bin das Wetter.

Und manchmal bin ich … wie soll ich sagen? Stürmisch. Heftig. Extrem. Maßlos. Ob mir das Spaß macht? Ob ich gerne Angst und Schrecken verbreite? Wen interessiert das? Stich einem Löwen ins Auge, klau Honig aus der Bienenwabe, iss Fliegenpilze und du forderst das Unvermeidliche heraus. Was ich damit sagen will? Ihr Menschen seid Komiker! Verbrennt Millionen Tonnen von Kohle, Öl und Gas, zerlöchert die Ozonschicht, holzt eure Wälder ab, staut eure Flüsse, vergiftet eure Meere. Und dann denkt ihr, ich mag euch nicht. Ich ärgere euch. Ich bin gefährlich. Nein, Freunde, es ist viel simpler. Ihr habt bestellt, und ich liefere. Ihr habt euren Einkaufswagen vollgepackt, und jetzt steht ihr an der Kasse und müsst bezahlen.

Mitleid? Oh, es ist zum Heulen. Eure Kinder tun mir leid. Die Armen in den Ländern des Südens tun mir leid. Die Inuit im Norden tun mir leid. Die Tiere und Pflanzen tun mir leid. Sie löffeln aus, was die in den Ländern mit den hohen Schornsteinen, den Fabriken und Feueröfen ihnen eingebrockt haben. Mein Rat? Handeln, nicht reden. Mehr nicht? Nein, mehr nicht. Mehr nicht …

Ansichten zweier Hartnäckiger
 

 

»Hey, Quecke, da quatscht einer!«
»Was?«
»Da steht einer und quatscht uns an.«

»Keine Zeit, Giersch. Ich muss weiterwachsen, bevor der doofe Gärtner kommt und mich wieder ausgräbt. Von mir aus quatsch du mit ihm!«

»Okay. Hallo, was gibt’s? Etwas über uns erfahren? Ist ein Trick, was? Ich plaudere unsere Geheimnisse aus, und Ihnen fällt irgendetwas Cleveres ein, um uns für immer loszuwerden. Nein, nein, darauf fall ich nicht herein. Wir sind doch froh, einen Garten gefunden zu haben, wo sie uns nicht mit der Giftspritze zu Leibe rücken. Allerdings doof sind diese Bio-Gärtner auch nicht. Haben immer neue Ideen. Schwarzbrache, Mulchpappe, sogar mit dicken Lagen Zeitungspapier haben sie es schon versucht. Und ich muss sagen, wenn die Gärtnerin sich nicht den Arm gebrochen hätte, wer weiß, ob wir dann noch hier wären!«

»Ach was, wenn ich erst einmal im Garten bin, werden Sie mich nicht mehr los! Ich schiebe mich einfach zwischen die Wurzeln von Stauden und Gehölzen. Dann müssen Sie nämlich Ihre eigenen Pflanzen wegwerfen, wenn Sie mich erwischen wollen!«

»Na ja, stimmt schon. Mach ich auch so. Ich such’ mir einen Bodendecker, am besten Zwergmispeln, zwänge mich in die Tiefe und mach mich ganz dünn. Dann rupfen Sie und reißen doch nur meine Blättchen ab. Solange meine Wurzeln bleiben, bleibe auch ich. Und meine Wurzeln sind echt stark, ich bin sogar schon mitten durch die dicker Kartoffeln gedrungen. Ehrenwort!«

»Hey, hört der Typ etwa noch immer zu?«

»Ja. Aber ehrlich gesagt, der sieht nicht aus, als wenn er es mit uns aufnehmen könnte!«
Gestatten, Feldsalat
 

 

Ja, ja, bücken müssen Sie sich schon, wenn wir zwei auf Augenhöhe mit­einander sprechen wollen – schließlich bin ich nicht mehr als eine flache Rosette. Besser gesagt: Wir sind viele Rosetten, sollten Sie einen Salat aus uns machen wollen.

Feldsalat? Sicher, so nennt man uns, aber das klingt doch sehr steif, wenig anmutig, und wer will schon so gerufen werden? Nein, nein, mir ist »Rapunzel« lieber, oder »Vogerl«, »Sunnewirbele«, »Fettkes« oder »Mauseöhrchen«. Und am allerliebsten mag ich das liebliche Franzosenwörtlein »Doucette«.

Und die Landsleute jenseits des Rheins waren es auch, die unseren Wert so richtig begriffen und uns um unserer selbst willen systematisch anbauten. Das ist kaum hundert Jahre her. Als »Unkraut« galten wir bis dahin vielerorts. Abgehackt haben sie unsereinen. Auf den Kompost geworfen. Unklug! Schließlich haben wir einiges zu bieten. Und das sogar noch während der kalten und lichtlosen Jahreszeit.

Was? Ja, wir sind mit dem Baldrian verwandt, das merken Sie schon daran, dass wir Baldrianöl enthalten. Überhaupt unsere ätherischen Öle … Die sind es nämlich, die uns ganz einzigartig, vollmundig, nussig – eben lecker schmecken lassen. Also dann, trauen Sie sich und experimentieren Sie mit uns. Nüsse, Eier, Shrimps oder Früchte – wir lassen uns mit vielen leckeren Dingen vermischen und verfeinern.
Gestatten, Karotte
 

 

Hey! Ja, Sie! Lassen Sie mich nicht hier im Korb liegen. Auch wenn ich schmuddelig aussehe und Sand und Erde von mir abfallen und auf Ihre Tische krümeln – das täuscht! Denn wenn Sie mich mit Wasser und einer Gemüsebürste abwaschen, entpuppe ich mich nämlich als eine wahre Blume der Küche. Ja, wirklich. Eine handfeste Blume, aber eine Blume. Einzigartig gefärbt. Wie? Orangegelb! Wenn Sie mich gegen das Licht halten, sogar leuchtend orange! Ich bin wirklich ein gutes Kontrastprogramm zu Grünem und Gelbem und Dunklem. Im Salat. Zu Kartoffeln, zum Steak und so weiter. Selbst beim Kochen bleiche ich kaum aus. Und wenn einer von Ihnen das kann, dann kann man aus mir sogar kleine Blüten schnitzen. Spielerei? Ja, aber eine nette. Aber ich will ja auch gar nicht, dass Sie mit mir spielen. Schließlich möchte ich gegessen werden. Und das geht gekocht und sogar roh. Eine ausgereifte, frisch geschälte, süße Bio-Möhre von der Hand in den Mund, das ist einfach nur lecker. Und dann noch ein Geheimnis – Menschen lieben Geheimnisse! – ich bin ein Gemüse mit Herz. Wirklich wahr! Schneiden Sie mich längs auf. Das Helle unten, in der Mitte, das ist mein Herz, auch Holzkörper genannt. Und Saft können Sie auch aus mir machen. Und Sauerkonserven. Und, und, und … also, nehmen Sie mich mit?
Gestatten, Lauch
 

 

Lauch? Porree? Porree? Lauch? Eigentlich ist es mir egal, wie Sie mich nennen. Obwohl … einer meiner selte­neren Namen gefällt mir wirklich gut: Beißlauch! Schließlich habe ich schon so manche sensiblere Seele beim Putzen und Zerklei­nern zum Weinen gebracht! Die Bota­niker sagen übrigens Allium porrum zu mir, woran man schon sehen kann, wer sonst noch zu ­unserem Clan gehört, nämlich Cousine Zwiebel, Allium cepa, Cousin Schnittlauch, Allium schoenoprasum, und … aber was erzähle ich da für einen gelehrten Quatsch!

Ich selber bin nämlich eher handfest, ein Naturbursche, wenn Sie verstehen. Glashaus? Folientunnel? Nee, komm! Da möchte ich nicht rein, auch wenn Sie mich dann eher ernten könnten. Schließlich kriegen mich selbst einige Grad Frost so schnell nicht unter.

Meine Vorzüge? Noch nie Lauch gegessen, oder was? Auch wenn ich es furchtbar finde, zusammengeschnürt mit Möhre, Petersilie und Sellerie im Regal zu liegen – aus einer schmackhaften Gemüsebrühe bin ich nicht wegzudenken, oder? Ebenso aus Quiches und dem ganzen anderen Salzkuchenteigzeugs – ohne mich ist das doch nur halb so lecker.

Ob ich gesund bin? Na sicher, was schmeckt, tut der Seele gut und ist dadurch gesund – solange meinesgleichen nicht mit Kunstdünger und ­Pestiziden vollgeklatscht wird, versteht sich.

Sie finden mich nicht schön? Ist mir doch egal. Kraftvoll sein, mit gradem ­Rücken, darauf kommt es an!
Gestatten, Rhabarber
 

 

Ach nee, ist es schon wieder so weit? Kaum hat man seine prächtigen Blätter entfaltet und in den Himmel gehoben, kommen Sie daher und rupfen und schneiden sie samt Stiel wieder heraus, wie es Ihnen gerade beliebt. Da kann man noch so sauer schmecken, das macht Ihnen gar nichts aus, und Sie rupfen trotzdem weiter – kein Wunder, wenn ich am Ende noch saurer werde.

Andererseits – ein wenig freut es mich schon, wenn Sie meine rohen Stängel genießen. Oder wenn Sie sie einkochen und verbacken und was weiß ich noch alles mit ihnen anstellen. Solange am Ende genug von mir übrig ist, dass ich wieder zu Kräften kommen und meine Blätter noch einmal entfalten und mit meinen Muskeln spielen kann.

Haben Sie mich schon einmal genauer angeguckt? Nicht nur mit hungrigen Augen? Ich bin nämlich wirklich schön! Meine kraftvoll aufbrechenden Knospen, mit den zusammengefalteten Blättern und den rötlichen Farbnuancen. Meine großen Blattschirme, die sich im Halbschatten wohlfühlen und wenn es ordentlich feucht ist. Ich könnte in der Staudenrabatte stehen, und niemand würde merken, dass ich eigentlich aus dem Gemüsegarten komme.

Aber bitte, Gartenfreunde, keine künstlichen Dünger und solche Sachen. Frischen Kompost, Regenwasser wäre auch toll, vielleicht hin und wieder etwas Brennnesseljauche – mehr nicht.
Gestatten, Weißkohl
 

 

Nein, liebe Leute, es geht mir nicht darum, einfach nur dicker und dicker zu werden. Das ist so ähnlich wie bei euch Menschen. Es kommt beim Kopf nicht darauf an, wie groß er ist, sondern darauf, ob was Gescheites drin ist! Was ich damit meine? Hach je, als Bio-Kohl achtet man eben auf seine inneren Werte. Ausgereifte Eiweiß-Strukturen, ausgewogene Aromastoffe und so.

Wenn ihr mich in den Kochtopf tut, dann habt ihr viel Pflanze und wenig Wasser im Topf. Und vor allem: Ich rieche auch nicht unangenehm. Wenn ihr mich schonend gart, dann wird wohl auch eine ganze Menge Vitamin C übrig bleiben, denn davon habe ich genauso viel wie diese eingebildete Südfruchttussi Orange. Zahlreiche Fässer Sauerkraut, das bekanntlich aus mir gemacht wird, hatte Captain Cook an Bord, als er eine dreijährige Schiffsreise antrat, und er hat keinen Mann durch Skorbut verloren. Das muss schließlich auch mal gesagt werden!

Wisst ihr »German Krauts« eigentlich, dass meine Vorfahren überwiegend vom Mittelmeer stammen? Und von der Atlantikküste auch. Dort findet ihr noch heute ein paar weniger stattliche, wilde Verwandte von mir und meinen roten und grünen, glatten und krausen, hohen und kurzen Vettern – aber ehrlich, an meine imposante Gestalt kommen nicht einmal die heran. Oder?

Was ihr mit mir in der Küche anfangen sollt? Also hört mal! Polnisches Bigosch und amerikanischer Coleslaw, russischer Borschtsch und Bayrischkraut … Wer mit mir nichts anzufangen weiß, ist selbst schuld.