01.07.2010

Die Würde der Kreatur

Wesensgemäße Pflanzenzüchtung soll ein Grundprinzip des Bio-Landbaus werden.

 

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Der ökologische Landbau will eine Landbaumethode entwickeln, die Menschen, Tieren und Pflanzen gerecht wird. Landwirtschaft bedeutet Landbewirtschaftung, denn der Landwirt/ die Landwirtin kann nicht »alles der Natur« überlassen, sondern muss regulierend in die natürlichen Prozesse des Wachsens und Vergehens eingreifen. So ist die Landschaft, in der wir heute leben, eine Kultur-, keine Naturlandschaft. Eingreifen und Regulieren bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Dabei ist es gar nicht so leicht, die richtige Form, die richtige Intensität eines verantwortungsvollen Eingreifens zu erkennen. Ein anschauliches Beispiel zeigt sich in der Tierhaltung.

Im Öko-Landbau hat sich der Begriff der »artgerechten Tierhaltung« etabliert. Doch wie erkennen wir, was eine artgerechte Tierhaltung, beispielsweise für eine Kuh, bedeutet? Ein eigenständiger Forschungszweig ist rund um diese Fragen entstanden. Durch systematische Beobachtung der Tiere, etwa bei unterschiedlichen Haltungsformen, lassen sich Erkenntnisse auf diesem Gebiet gewinnen. So sind Tiere, die sich wohlfühlen, in der Regel gesünder – ein wichtiger Indikator für eine artgerechte Haltung. Nach ausführlichen Diskussionen und im Rahmen eines Prozesses der kontinuierlichen Verbesserungen haben die Öko-Landbauverbände in ihren Richtlinien eine Vielzahl von Vorgaben gemacht: Mindeststallplatzfläche, Auslauf, Fütterung – für jede Tierart gibt es ein umfangreiches Regelwerk. Damit soll ein Kompromiss zwischen der Notwendigkeit, effizient zu produzieren, und den Bedürfnissen der Tiere gefunden werden. Außerdem müssen Arbeitswirtschaft und Finanzkraft des Bauern berücksichtigt werden.

Im Pflanzenbau stellen sich im Prinzip die gleichen Fragen, doch sind diese noch schwerer zu beantworten. Wie gestaltet man eine wesensgemäße Pflanzenproduktion? Welche Bedingungen – von Nährstoffversorgung bis Ernteverfahren – sind einem Kürbis, einer Möhre oder einer Pastinake angemessen? Während wir zu Tieren leichter ein emotionales Verhältnis aufbauen können, ist die Distanz des Menschen zu Pflanzen deutlich größer. Umso spannender scheint die Aussage über Pflanzen in der Schweizerischen Bundesverfassung, die 1992 eine Bestimmung über die Würde der Kreatur eingefügt hat: »Er (der schweizerische Bund) trägt (…) der Würde der Kreatur sowie der Sicherheit von Mensch, Tier und Umwelt Rechnung und schützt die genetische Vielfalt der Tier- und Pflanzenarten. « Die hier verankerte Achtung der Würde der Kreatur gilt auch für Pflanzen: »Wir erkennen, dass sie nicht allein für Menschen und Tiere, sondern auch um ihrer selbst willen sind. Sie haben auch Zwecke in sich selbst, in ihrer Vollendetheit und Schönheit. Bei der Pflanze bezieht sich die Würde wesentlich auf die Erscheinungsform, welche die Natur aus sich selbst hervorgebracht hat«, erklärt Dr. Klaus-Peter Wilbois vom Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FiBL) in Frankfurt. Diese Aussagen setzen eine bestimmte Werthaltung voraus. Vor den konkreten naturwissenschaftlichen Umsetzungsfragen der artgerechten Tierhaltung oder des wesensgemäßen Pflanzenbaus steht daher die Frage: Auf welcher ethischen Überzeugung will der Mensch (Züchter, Bauer, Händler, Verbraucher) sein Handeln aufbauen?

Wesensgemässe Pflanzenzüchtung

Der Verein Kultursaat e.V. beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Fragen einer art- bzw. wesensgemäßen Pflanzenzüchtung. Der Betrach tungswinkel wird auf die Zeit vor der Aussaat einer Pflanze erweitert. Denn in dem Samen, der zur Aussaat kommt, steckt die Entwicklungsgeschichte nicht nur der Elterngeneration, sondern vieler Generationen von Pflanzen zuvor. Und – wenn man so will – diese Geschichte essen wir mit jeder Möhre, jedem Salat oder Kürbis mit. Die bio-dynamischen Pflanzenzüchter sehen ihre Arbeit als Teil der Entwicklung, die Kulturpflanzen aus der Vergangenheit unter den aktuellen Lebensumständen der Gegenwart weiterzuentwickeln. Dabei gehen sie davon aus, dass gerade die Interaktion zwischen Pflanze und Umwelt einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Pflanzen hat. So ist es nur konsequent, dass die bio-dynamische Pflanzenzüchtung auf Höfen und nicht in Laboren stattfindet. Die Pflanze wird als Lebewesen verstanden, das Himmel und Erde in seinem Dasein verbindet. Sie ernährt den Menschen nicht nur durch ihre Inhaltsstoffe, sondern auch durch ihre Kräfteorganisation – die Kräfte, die das Band des Lebens mitgestalten. Eine solche Überzeugung führt zu einem ganz neuen Verständnis von Pflanzenzüchtung – von den verwendeten Methoden bis zu den Züchtungszielen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die angestrebte Entwicklung der Kulturpflanzen für diese wesensgemäß gestaltet werden kann. Ganz im Gegensatz dazu steht die Gentechnik. Hier werden durch die Kombination artfremder Gene Wesens- und Artgrenzen überschritten. Neben der naturwissenschaftlichen Auseinandersetzung sollten Forscher und Anwender auch über ihre Werte streiten, denn wie Goethe formulierte: »Dass ich erkenne, was die Welt / Im Innersten zusammenhält, / Schau’ alle Wirkenskraft und Samen, / Und tu’ nicht mehr in Worten kramen.«

››› Gastbeitrag: Petra Boie, Bingenheimer Saatgut AG

Weitere Informationen zur biologisch-dynamischen Pflanzenzüchtung finden Sie unter www.kultursaat.org und www.kultursaat.org/pdf/booklet.pdf