Die Lunge
Mensch und Welt bilden eine Einheit. Nirgendwo wird das so deutlich wie beim Atemprozess. Die gleiche Luft, die eben noch in den Adern des Nachbarn war, umfließt jetzt unsere Organe. Der Sauerstoff, den die Pflanze heute ausgeatmet hat, erfrischt morgen unser Blut.
Das menschliche Leben beginnt mit einer Ein- und endet mit einer Ausatmung. So prägt der Rhythmus von An- und Entspannung unser Leben: Etwa 18 mal pro Minute atmet der erwachsene Mensch, 25.920 mal pro Tag. Der Atem bewegt das Herz und sorgt für den Rückstrom des Blutes. Leber, Milz, Nieren, Magen, Darm, die Harn- und Geschlechtsorgane werden in leichten Druckänderungen im Atemrhythmus »massiert«. Sogar das Gehirn nimmt die Atemwelle auf. So wird über die Lunge nicht nur Sauerstoff aufgenommen und Kohlendioxid abgegeben, sondern auch die Funktion und Gesundheit aller Organe beeinflusst. Überlastungen, seelische Nöte und Krankheiten können die Atembewegungen beeinträchtigen.
Lungenerkrankungen nehmen zu
Es muss umso nachdenklicher stimmen, dass Erkrankungen der Atemorgane rasch zunehmen: in den industrialisierten Ländern bei Kindern und Jugendlichen das Asthma bronchiale, weltweit bei Erwachsenen die chronisch obstruktiven (verengenden) Lungenerkrankungen und der Lungenkrebs. Im Erwachsenenalter gilt der Nikotinmissbrauch als Hauptursache, beim kindlichen Asthma der westliche Lebensstil. Aber was heißt das? Sind es Folgen der Technisierung, wie z. B. Feinstäube oder Abgase? Sind es unterdrückte Infektionen im Kindesalter? Ist es übertriebene Hygiene? Sind es die modernen Ernährungsgewohnheiten und die Reizüberflutung bzw. der Medienkonsum? Wahrscheinlich spielen alle diese Faktoren zusammen. Aber schlüssige Antworten sucht die Forschung bislang vergebens.
Was hilft?
Da das kindliche Asthma meist allergisch bedingt ist, gilt hier Ähnliches wie für die Allergie-Prävention: ausreichend langes Stillen, Allergene reduzieren, Passivrauchen unbedingt vermeiden. Außerdem sollte das Kind in einem Naturbett im gut gelüfteten, nicht überhitzten Zimmer und nicht an kalten Außenwänden schlafen. Autoabgase (lange Autofahrten, stark befahrene Straßen, Kinderzimmer an Autostraße) sollten ebenfalls gemieden werden. Wichtig ist auch ein regelmäßiger Tages- und Schlafrhythmus. Alltägliche Infekte sollten möglichst ohne fiebersenkende Mittel bzw. Antibiotika ausheilen können.
Die Symptome – anhaltender Husten, Luftnot oder Atemgeräusche – können durch schulmedizinische Antiasthmatika meist ohne Nebenwirkungen behandelt werden, vorausgesetzt, sie werden richtig und mit kritischem Blick eingesetzt. Geheilt ist der Mensch damit allerdings nicht, auch wenn die Symptome kontrollierbar sind und schweren Komplikationen (Lungenentzündungen) vorgebeugt werden kann. Die Anthroposophische Medizin hat darüber hinaus die Möglichkeit, die Lunge in ihren Selbstregulationsfähigkeiten zu stärken. Die Symptome bessern sich, der Medikamentenbedarf sinkt – manchmal auch bis zur Heilung. Eingesetzt werden können Aufbereitungen aus pflanzlichen (z. B. Nicotiana tabacum, Quercus) und mineralischen Substanzen (z. B. Quarz, Calcium), Kunsttherapien (z. B. Sing- und Sprachtherapie), äußere Anwendungen (Wickel, Bäder) sowie Psychotherapie. Der informierte, geschulte Patient wird – in Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Therapeuten – in der Lage sein, seine individuell angemessene Therapie zu finden.
››› Dr. med. Christof Schnürer (Badenweiler), anthroposophischer Arzt, Facharzt für Innere Medizin und Allgemeinmedizin, Autor von »Mehr Luft: Atemwegserkrankungen verstehen und überwinden«