Ö&L: Um die stetig steigende Nachfrage decken zu können, reichen die heimischen Bio-Produkte nicht aus. Wie hoch ist mittlerweile der Anteil, der durch Importe gedeckt werden muss?
Manon Haccius:
Bio-Produkte, die in Deutschland auf dem Markt sind, sind von Anfang an nicht nur heimische Produkte gewesen. Obst und Gemüse sind immer schon zu wesentlichen Anteilen aus anderen Ländern gekommen. Auch die Genussmittel Kaffee, Tee, Kakao und Gewürze. Das war ja auch der Grund, warum man die „IFOAM Basic Standards“ entwickelt hat und die Bundesverbände Naturkost Naturwaren (BNN) gegründet wurden – weil man ausländische Produkte objektiver beurteilen wollte. Schon vor etwa zehn Jahren schätzte man den Anteil der importierten Waren auf 40 Prozent. Meiner Ansicht nach liegt er gegenwärtig in der Größenordnung um 50 Prozent.
Also hat sich der Anteil kaum vergrößert?
Nicht wesentlich, würde ich sagen. In Deutschland ist in den vergangenen 20 Jahren die Anbaufläche erheblich ausgeweitet worden. Mit der Wiedervereinigung ist viel Fläche hinzugekommen.
Ich kenne aber niemanden, der je sauber ermittelt hat, wie es genau um die geografische Herkunft der in Deutschland angebotenen Bio-Produkte steht.
Aus welchen Ländern kommen die importierten Produkte hauptsächlich?
Es gibt heute kein Land, aus dem nicht Bio-Produkte importiert werden. Deutschland ist nach den USA weltweit einer der größten Märkte für Bio-Produkte – die Produkte kommen von überall hierher. Ich kenne keine Mengen. Ich weiß, dass wir viel Obst und Gemüse aus den Mittelmeeranrainerstaaten bekommen, inzwischen auch aus den südlichen Anrainerstaaten wie Marokko, Tunesien und Israel.
Welche Produkte sind derzeit auf dem Markt besonders knapp?
Das kann man pauschal nicht beantworten, oft handelt es sich nur um temporäre Knappheiten. Zurzeit bekommt man in Deutschland praktisch keinen Bio-Dinkel, auch Bio-Hafer ist knapp. Haselnüsse sind bereits in den beiden vergangenen Jahren künstlich verknappt worden. Die Anbieter in der Türkei fingen regelrecht an, damit zu spekulieren.
Um wie viel sind die Preise für Bio-Produkte im Zuge der allgemeinen Preiserhöhungen ungefähr gestiegen?
Auch das kann man pauschal nicht sagen. Es kommt darauf an, wann und an welchem Ort man auf die Preise schaut. Das schwankt im Jahreslauf. Wenn es auf die neue Ernte zugeht, ist gegebenenfalls die alte Ware knapp und teuer. Wenn sie noch reichlich vorhanden ist, geht sie im Preis runter. Einige Jahre lang sind ja die Erzeugerpreise und auch die Verbraucherpreise für Bio-Produkte in Deutschland kontinuierlich gesunken. Dass das jetzt gestoppt ist und sich teilweise umgekehrt hat, ist ein neues Phänomen. Das erleben wir erst im zweiten Jahr. Da kommt es dann vor, dass Preise völlig aus dem Ruder laufen, und andere sind weiterhin akzeptabel.
Welche Preise laufen denn aus dem Ruder?
Beispielsweise die beim Dinkel: Irgendeiner hat die letzten Tonnen gekauft und bietet sie zu Mondpreisen an – aber so kauft sie keiner.
Ist es unbedingt notwendig, jedes Obst und Gemüse zu jeder Jahreszeit anzubieten? Wie reagieren die Kunden, wenn bestimmte Produkte nicht erhältlich sind?
Wären Sie im Winter mit einer Gemüsetheke, die allein aus Äpfeln, Möhren, Kartoffeln, Kohl, Roter Bete und Lauch besteht, zufrieden? Ich selbst wäre es nicht. Gerade die üppige Fülle im Obst- und Gemüsebereich macht Lust, einzukaufen. Daher brauchen wir zu jeder Jahreszeit Vielfalt, auch wenn wir selbstverständlich nicht zu jeder Zeit alles anbieten. Bei Alnatura gibt es zum Beispiel im Winter keine Erdbeeren und wir überlegen uns sehr gut, ab wann wir diese anbieten. Wir führen auch nicht immer Mangos, Ananas, Pfirsiche oder Aprikosen. Aber wir haben immer Äpfel, Bananen, Tomaten, Gurken und Salat. Bestimmte Produkte sind das ganze Jahr über da, andere Produkte dagegen sind und bleiben saisonale Produkte.
Wie hoch ist der Anteil der Bio-Lebensmittel, der per Flugzeug eingeführt wird?
Der Anteil ist ganz gering. Ab und zu werden Mangos oder Ananas geflogen. Das ist aber auch schon alles. Das Phänomen wird meines Erachtens überschätzt. Die meisten Lebensmittel werden auf der Straße oder mit dem Schiff transportiert und nur bei sehr leicht verderblicher Ware kommt es vor, dass diese einmal per Flugzeug eingeführt wird.
Dann halten Sie ein Angebotsverbot für Flugware, wie es beispielsweise die Soil Association diskutiert, auch nicht für sinnvoll?
Darüber kann man nachdenken, es würde das Angebot wenig einschränken. Doch es würde die Erzeuger in den fernen Ländern treffen, die dann unter Umständen auf ihren Produkten sitzen blieben. Boykotte treffen meines Erachtens immer die Falschen. Aber wir diskutieren bei uns im Haus gerade intensiv da rüber, auf geflogenes Obst ganz zu verzichten. In größerem Stil Lebensmittel per Flugzeug zu transportieren, ist ökologischer Unsinn.
Haben Sie andere Ausschlusskriterien bei der Auswahl der Produkte, etwa ein zu hoher Energiebedarf bei der Herstellung oder zu viel Verpackungsaufwand?
Was unser Sortiment in den Filialen betrifft – nein. Bei unseren Alnatura-Markenprodukten bemühen wir uns natürlich darum, so wenig Verpackung wie möglich zu haben. Die Verpackung soll umweltfreundlich sein, zugleich optimalen Produktschutz bieten und eine ansprechende Gestaltung ermöglichen. Nur bei unserer Produktserie „Sélection“ haben wir uns bewusst für etwas mehr Verpackung entschieden, um ein besonders ansprechendes Produkt anbieten zu können, das man auch gerne einmal verschenkt.
Inwiefern wirken sich die neuen vereinfachten EU-Importbestimmungen auf das Warenangebot aus?
Die Importbedingungen sind nur umständlicher geworden, keinesfalls einfacher. Insofern sehe ich keine Auswirkung. Es ist weiterhin so, dass die importierenden Unternehmen umfangreiche Dossiers vorlegen müssen, und nach wie vor brauchen sie für jeden Import eine Genehmigung ihrer Kontrollbehörde. Oder sie müssen umfangreiche Kontrollaktivitäten im Drittland veranlassen.
Wird mit dem stark wachsenden Bio-Markt die Qualitätssicherung schwieriger?
Ich bin nun acht Jahre bei Alnatura und beobachte, dass die herstellenden Unternehmen und auch wir selbst kontinuierlich mehr und ausgefeiltere Mittel in der Qualitätssicherung an wenden. Die Analysemethoden werden immer weiter verfeinert, sodass man immer geringere Spuren unerwünschter Substanzen finden kann. Heute wird nach einem sehr engmaschigen Probenplan praktisch durchgängig analysiert. Das war vor acht oder zehn Jahren nicht so. Da hat man sich auf weiter gefasste Stichprobensysteme verlassen. Auch die Verträge, mit denen man sich bei den jeweiligen Vorlieferanten gegen Betrug absichert, sind ausgefeilter. Da sind die Hersteller und auch die Handelsunternehmen mit höchster Wachheit dran und tun alles, um möglichen Betrügereien rechtzeitig auf die Spur zu kommen, bevor solche Ware in den Handel kommt.
Wie hoch schätzen Sie die Bedeutung für Entwicklungsländer ein, Bio-Waren für den Export zu produzieren?
Da muss man jeweils auf das einzelne Projekt schauen. Für diejenigen, die in einem solchen Projekt arbeiten, ist es eine wichtige Einkommensquelle. Ich denke, dass es in den Erzeugerländern allemal angenehmer ist, in der Bio-Produktion zuarbeiten als auf einer konventionellen Plantage. Aber einen großen Umfang über einige regionale Aktivitäten hinaus hat die Bio-Landwirtschaft ja nur in sehr wenigen Ländern.