Lecker Tomaten vom Biobauern? Aromatische Eier von freilaufenden Hühnern? Das Roastbeef vom frei grasenden Galloway-Rind? Jahrzehntelang rümpfte die große Mehrheit der Menschen bloß die Nase: Einkaufen im Bioladen?
Das blieb bis tief in die 90er Jahre esoterisch verblendeten Birkenstock-Trägern überlassen, die es sich leisten konnten, im sündteuren Naturkostladen angeschlagene Äpfel und verwachsene Karotten zu kaufen. Die Masse ging weiter zum Discounter oder rannte aus Bequemlichkeit in den nächsten Supermarkt.
Erst BSE brachte die Wende. Als die Angst vor der Creutzfeld-Jakob-Krankheit vor Jahren grassierte, war Bio die Lösung: Weil an ökologisch aufgezogene Rinder keine fragwürdigen Tierreste verfüttert werden, war bloß Bio sicher. Und begann zu boomen.
Binnen weniger Jahre sicherten sich neu entstehende Öko-Supermarkt-Ketten wichtige Marktanteile. Doch ist Bio wirklich gesünder? Das blieb lange ebenso unerforscht wie ungewiss. Umso mehr schreckte viele Verbraucher vergangene Woche eine britische Studie auf, die beinhart behauptete, biologische Lebensmittel seien nicht gesünder.
Das habe die Durchsicht von 162 wissenschaftlichen Artikeln aus den vergangenen 50 Jahren ergeben, so das Londoner Institut für Hygiene und Tropenmedizin. Zwar gebe es einige wenige Differenzen beim Nährstoffgehalt, aber diese seien für die Gesundheit von geringer Bedeutung. Daher gebe es derzeit keinen Beweis dafür, warum Bio-Nahrung konventionellen Lebensmitteln vorzuziehen sei.
Allerdings hatten die Londoner Forscher, die im Auftrag der regierungsnahen Food Standards Agency (FSA) agierten, Pestizide nicht berücksichtigt. Der Verbraucher kratzt sich ratlos den Kopf und fragt sich: Was ist denn nun? "Letztlich ist das eine Frage der Interpretation", sagt Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau im schweizerischen Frick, und ist damit vielleicht ein bisschen sehr zurückhaltend. Denn er nennt gleich darauf eine Reihe von Beispielen, die die positiven Bestandteile von biologisch erzeugten Lebensmitteln belegen.
Nicht zuletzt sei das auch das Ergebnis der im Mai veröffentlichten, EU-finanzierten Qlif-Studie (Quality Low Input Food), deren akademischer Koordinator Niggli war. "Wer sich ständig ökologisch ernährt, kann davon ausgehen, dass er über die Nahrung mindestens zehn bis 20 Prozent mehr sekundäre Pflanzenstoffe wie Vitamine und die gesundheitlich wertvollen Antioxidantien aufnimmt." Diese seien erwiesenermaßen wichtige Präventionshelfer für das Herz-Kreislaufsystem und fanden sich laut Qlif in höherer Konzentration in zahlreichen Gemüsen wie Kohl, Salat, Kartoffeln und Tomaten.
Auch fanden sich laut Qlif, die 180 Publikationen berücksichtigte, höhere Werte der für die Gesundheit wichtigen, mehrfach ungesättigten Fettsäuren in Bioprodukten, sowie gleichzeitig weniger Schwermetalle, Pilzgifte und Pestizidrückstände. Niggli kennt die Daten: "Aber ob ich über diese Art der Ernährung eine Gesundheitswirkung erziele - dieser Nachweis wurde noch nicht erbracht.
Dazu wäre eine Langzeituntersuchung nötig, die über Jahre die Gesundheit von Bevölkerungsgruppen vergleicht, die sich ökologisch und konventionell ernähren. Die gibt es aber noch nicht."Andererseits berichtet Niggli von einer Studie aus den USA, die untersuchte, welche Stoffwechselprodukte (Metaboliten) von Pestiziden sich im Urin von Kindern finden. "Bei Kindern, deren Ernährung auf Bionahrung umgestellt wurde, ging der Metaboliten-Spiegel im Urin massiv runter. Das heißt, die Niere musste weniger Pestizid-Abbauprodukte ausscheiden. Der Körper spülte sich sauber."
Längst wisse man auch aus zahlreichen anderen Studien, dass konventionelle Nahrungsmittel 100 bis 1000 mal höhere Pestizidwerte hätten als biologische, "aber die liegen dann meist immer noch im Bereich der zugelassenen Höchstwerte: Wer über so etwas nicht groß nachdenkt, dem genügt diese Grenzwert-Entscheidung der Behörden vielleicht. Aber eine Mutter mit kleinem Kind will vermutlich einfach die Gewissheit, dass keine Pestizidrückstände in der Nahrung sind. Basta."
Unterschiede zwischen Bio- und normaler Milch
Qlif berichtet von einer Pilotstudie mit Ratten, die organisch oder konventionell ernährt wurden: "Hier gab es deutliche Unterschiede in Bezug auf das hormonelle Gleichgewicht und den Immunstatus der Tiere, die signifikant mit Dünger und Pestizideinsatz korrelierten. Allerdings seien weitere Studien notwendig, um daraus Schlüsse für den Menschen ziehen zu können.
Eine Studie der britischen Newcastle University erbrachte im vergangenen Jahr den Beweis, dass auf der Weide grasende Kühe von Biofarmen bessere Milch erzeugten, als Kühe, die nur im Stall stehen. Die Milch enthielt signifikant höhere Werte an den gesunden mehrfach ungesättigten Fettsäuren, Antioxidantien und Vitaminen. Im Sommer lagen die Werte der gesundheitlich förderlichen Fettsäure CLA9 gar um 60 Prozent höher, so das Journal of Science of Food and Agriculture.
"Unsere Studie zeigt klar, dass die Weideernährung der biologischen Farmen der wichtigste Grund für die Unterschiede zwischen Bio- und normaler Milch ist", sagt Studienleiterin Gillian Butler. Die Ergebnisse der Kollegen aus Newcastle kann Professor Walter Vetter von der Uni Hohenheim nur bestätigen: "Auf der Suche nach einem Marker, der Biomilchprodukte einwandfrei von konventionell erzeugten unterscheidet, sind wir auf Alpha-Linolensäure gestoßen, eine für die Gesundheit bedeutende Omega-3-Fettsäure, deren Anteil in Bioprodukten um den Faktor zwei höher war."
Das habe sich auch in einer noch nicht veröffentlichten Milchstudie bestätigt, in der sein Team einen Monat lang Bio- und konventionelle Milch verglich, um Tagesschwankungen auszuschließen: Es zeigte sich, dass die doppelte Konzentration stabil blieb, so Vetter. Auch die Konzentration der aus dem Chlorophyll des Grünfutters entstehenden Phytansäure sei sehr hoch gewesen, weshalb auch diese als Marker geeignet sei. Warum sich die Biomilch so positiv abhebt, kann Niggli schnell erklären: "Die industrielle Tierhaltung geht ja immer mehr dazu über mit Kraftfutter wie Mais, Soja und Proteinen zu füttern, weil die Tiere dann mehr Milch geben und mehr Fleisch produzieren."
Allerdings seien sie dann auch anfälliger für Stoffwechselkrankheiten. "Die Physiologie ist bei dieser nicht artgerechten Haltung nicht im Gleichgewicht, also geht die Produktion der erwünschten Inhaltsstoffe in der Milch zurück. Leider wurden diese und andere Ergebnisse der Qlif-Studie von den Briten nicht berücksichtigt." Forscher der Universität Kalifornien um Alyson Mitchell kamen bereits 2007 zum Ergebnis, dass die Flavonoid-Anteile in organischen Tomaten um 79 bis 97 Prozent höher sind als in konventionellen.
Flavonoide sind Pflanzenfarbstoffe; sie wirken gegen Bakterien sowie Viren und sind entzündungshemmend. Insgesamt sei festzuhalten, dass Bio-Nahrung zehn-, 20-, ja bis zu 60-fach höhere Gehalte an sekundären Pflanzenstoffen wie Vitaminen und Antioxidantien enthalte, so Niggli. "Es lässt sich gut erklären, warum. Denn viele dieser Stoffe bildet die Pflanze als Immunreaktion auf Insektenfraß oder Pilzsporen. Sie nutzen auch dem Immunsystem des Menschen." Umso rätselhafter wie eine wissenschaftliche Studie wie die von der Food Standards Agency in Auftrag gegebene zu einem deutlich anderen Ergebnis kommen kann. Ist sie am Ende nicht seriös? "Doch, das ist sie", stellt Niggli klar. "Das ist eine sehr umfangreiche Literaturstudie, die ihre Daten sehr transparent dokumentiert." "Ich bin allerdings nicht einverstanden damit, wie rigoros sie die Anzahl der berücksichtigten Studien eingeschränkt hat", betont Niggli.
So seien ganz streng nur Studien aufgenommen worden, die zwischen organischem und konventionellem Anbau verglichen. "Alle, die Bioanbau der integrierten Produktion gegenüberstellten, fielen raus. Das sind allein im Obstbau acht wichtige Studien, die alle zeigten, dass der Anteil sekundärer Pflanzenstoffe bei Bio höher ist. Dass sie ausgeschlossen wurden, halte ich nicht für zulässig. Es hat das Ergebnis teilweise verfälscht." Denn schließlich sei der integrierte Anbau in vielen Landwirtschaftszweigen wie dem Obstanbau längst das Standardverfahren. Er ist dadurch gekennzeichnet, dass Pflanzenschutzmittel gezielter nach Bedarf und nicht mehr stur nach dem Kalender gespritzt werden. Außerdem kämen nützlingsschonende Insektizide zum Einsatz.
Viel Obst und Gemüse und wenig Fleisch
Dennoch will Niggli die Untersuchung nicht verdammen. Gleichwohl berichtet er, dass die FSA "seit Jahrzehnten einen erbitterten Kampf gegen Bio" führe. ,"Ich finde es trotzdem gut, dass es die Studie gibt. Denn Bio zu glorifizieren ist ja auch nicht gut: Das sind bloß Esswaren, keine Medikamente." Schließlich sei der Biolandbau vor allem entstanden, um Natur und Tier, die Umwelt zu schonen. "Toll wäre ja schon, wenn wir mit wahnsinnig viel weniger Chemie bloß gleich gute Lebensmittel produzieren würden. Aber glücklicherweise haben die Biolebensmittel - wie nicht nur die Qlif-Studie zeigt - auch noch gesundheitlich positive Eigenschaften und diese Daten schlägt auch die britische Studie nicht weg."
Wer von seiner Ernährung profitieren wolle, müsse sich auch gesund ernähren, mit viel Obst und Gemüse und wenig Fleisch: Zu viel Fleisch, zu viel Fett, zu viel Kohlenhydrate in Bioqualität - davon werde man auch nicht gesünder. Wer aber überwiegend Gemüse und Obst vom Biobauern isst, darf sich über den Zusatznutzen freuen: "Er nimmt weniger Pestizide und Düngerrückstände, und deutlich mehr sekundäre Pflanzenstoffe auf." Ganz zu schweigen von der schöneren Landschaft, für die Biolandwirte sorgen. "Möglichst naturnah lebende Tiere, weniger Pestizide - so etwas ist nicht immer messbar", sagt Professor Vetter. Aber sichtbar ist es doch.
Quellenangabe: Frauke Haß, Frankfurter Rundschau, 05.08.2009