Herr Professor Weiger, immer mehr Menschen interessieren sich für Bio-Produkte. Wie finden Sie das?
Prof. Hubert Weiger: Die gesteigerte Nachfrage ist sehr positiv, weil Bio-Produkte nicht nur gut schmecken und gut für die Gesundheit sind, sondern durch die Nachfrage jeder Konsument einen eigenen Beitrag zum Umweltschutz leistet.
Was hat Bio-Landbau eigentlich mit Naturschutz zu tun?
Prof. Hubert Weiger: Ein großes Problem im Bereich Naturschutz ist der galoppierende Verlust von Tier- und Pflanzenarten. Die Feldlerche ist heute eine seltene Vogelart, auch Goldammer und Rebhuhn stehen auf der Roten Liste. Der ökologische Land bau leistet einen wichtigen Beitrag, den Artenverlust zu stoppen. Im Bio-Landbau nimmt durch die Vielfalt der Fruchtfolgen, den Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel, Stickstoff-Mineraldünger und totale Unkrautbekämpfung die Artenvielfalt auf Acker und Wiese wieder deutlich zu. Damit steigt die Zahl der Insektenarten und am Ende der Nahrungskette auch die der Vogelarten. Auch die Bodenbearbeitung ist schonender, durch Kompostzufuhr werden die Humusvorräte im Boden erhöht, es gibt eine höhere Dichte an Regenwürmern – den Baumeistern fruchtbarer Böden. Das verringert die Gefahr der Bodenerosion mit Nitratauswaschungen ins Grundwasser. Bio-Landbau ist damit konkreter Trinkwasserschutz.
Trägt Bio-Landbau auch zum Klimaschutz bei?
Prof. Hubert Weiger: Bio-Landbau ist gelebter Klimaschutz, schon weil kein Stickstoffdünger und keine chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, deren Herstellung extrem energieintensiv ist. Weil ökologischer Landbau den Böden über Fruchtfolge, Leguminosen-Anbau und Kompostwirtschaft organischen Stickstoff zuführt, braucht es keinen wasserlöslichen Stickstoffdünger. Damit wird sehr viel Energie gespart und werden CO2-Emissionen vermieden
Haben Sie Forderungen an die Politik, wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Prof. Hubert Weiger: Die zentrale Forderung an die Politik ist, den ökologischen Landbau endlich zum Leitbild einer nachhaltigen Landbewirtschaftung zu erklären und die Weichen so zu stellen, dass vorrangig ökologische Landbausysteme gefördert und unterstützt werden. Gefördert werden muss auch die Information der Bevölkerung und die Nachfrage nach regional erzeugten und ökologischen Produkten durch öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäuser. Und es gibt eine zentrale politische Forderung, nämlich dass der ökologische Landbau vor der Agro-Gentechnik zu schützen ist, die dem ökologischen Landbau die Existenz entzieht. Agro-Gentechnik ist eine der Ursachen, warum weniger Betriebe auf Bio-Landbau umstellen können, obwohl eine stark gestiegene Nachfrage nach Bio-Produkten besteht.
Welche Rolle spielt dabei ein Verband wie Bioland?
Prof. Hubert Weiger: Die Anbauverbände sind in unseren Augen unverzichtbar. Schon um zu sichern, dass wir national einen höheren Standard im ökologischen Landbau haben als im EU-Recht vorgeschrieben. Die Anbauverbände unterstützen und vertreten die Anliegen der Bio-Bauern. Wenn beispielsweise Deutschland dauerhaft gentechnikfrei bleiben soll, dann hängt das von einer Vielzahl von Aktionen ab. Diese Aktivitäten werden von den ökologischen Anbauverbänden insgesamt mitgetragen.
Kann man mit dem Kauf von Bio-Lebensmitteln die Natur schützen?
Prof. Hubert Weiger: Das ist ein Bereich, der erheblich unterschätzt wird. Es muss dem Verbraucher klar sein, dass er mit seinen Einkäufen darüber entscheidet, wie die Landschaft aussieht und wie sie bewirtschaftet wird.
Die Nachfrage nach Billiglebensmitteln führt zur Billiglandschaft, zur Vernichtung bäuerlicher Existenzen und zur Belastung des gesamten Naturhaushalts, für die der Steuerzahler zur Kasse gebeten wird. Ökologische Produkte kosten etwas mehr, das müssen sie auch, denn sie sind es wert. Unterm Strich führen sie für den Einzelnen zur Entlastung, weil teure Klimafolgen vermieden werden.
Herr Professor Weiger, vielen Dank für das Gespräch
Interview: Barbara Döring
Mehr Informationen unter
www.bund-naturschutz.de