30.06.2008

Bio-Kraftstoff* – Luxus oder Notwendigkeit?

In den vergangenen Monaten ist Bio-Kraftstoff durch die steigenden Lebensmittelpreise von allen Seiten massiv in die Kritik geraten. Dennoch ist es unangebracht, diese Energieform zu verteufeln.

 

Raps wird in Deutschland zu Bio-Diesel verarbeitet und zur Strom­erzeugung genutzt.
Allein in den Monaten von Februar bis April dieses Jahres sind die Weltmarktpreise für Reis und Weizen um 75 bzw. 120 Prozent gestiegen. Die Ursachen sind vielfältig: höhere Nachfrage in Indien und China, steigende Preise für Öl und Dünger, der Verfall des US-Dollars. Aber auch der Anbau von Pflanzen für Bio-Kraftstoff wird für die Preisanstiege verantwortlich gemacht. In reichen wie in armen Ländern spüren die Menschen den Preisdruck, während internationale Hilfsorganisationen ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen können. Weltbank-Präsident Robert Zoellick bringt es auf den Punkt: »Während sich manche Sorgen machen, wie sie ihren Tank füllen, kämpfen viele andere darum, wie sie ihren Magen füllen können.

« Aufgrund der sich abzeichnenden Erdölknappheit und des Klimawandels hatte sich Bio-Kraftstoff als Energieträger in den letzten Jahren wachsender Beliebtheit erfreut. Die Befürworter argumentieren: So lassen sich der Klimawandel bekämpfen und die Abhängigkeit von Erdöl reduzieren. Insbesondere als Treibstoff für Autos gilt Bio-Kraftstoff als Alternative zu Mineralölprodukten. Die Vereinigten Staaten zum Beispiel planen daher bis 2017 15 Prozent ihres herkömmlichen Kraftstoffverbrauchs durch Bio-Kraftstoff decken zu können, die Europäische Union bis 2020 10 Prozent. Entsprechend werden weltweit immer größere Mengen an Soja, Mais, Zuckerrohr, Palmen und Castor für diesen Zweck angebaut, ohne dass dies Anstoß erregt. Doch nun erleben wir einen grundsätzlichen Wandel der öffentlichen Meinung, dessen Ursache in den weltweit steigenden Lebensmittelpreisen zu suchen ist.

Unstrittig ist, dass weltweit immer größere Anbauflächen für Bio-Kraftstoff in Anspruch genommen wurden, oftmals motiviert durch staatliche Subventionen. So hat in Brasilien Ethanol auf Zuckerrohrbasis einen Marktanteil von fast 45 Prozent bei Kraftstoff, während die Vereinigten Staaten rund 20 Prozent ihrer Maisernte für die Herstellung von Ethanol verwenden.

 


Soja wird nicht nur als Getreide, sondern als Energierohstoff ebenfalls stetig stärker nachgefragt. Soja wird nicht nur als Getreide, sondern als Energierohstoff ebenfalls stetig stärker nachgefragt.
Enormer Flächenverbrauch

Welche Berechtigung hat Bio-Kraftstoff in Zeiten wachsenden Hungers überhaupt noch? Schließlich erfordert die Herstellung von Bio-Kraftstoff erhebliche Energiemengen, die bei Düngung, Transport und Verarbeitung anfallen. Zudem ist der Flächenbedarf enorm. So wird für die Produktion von einem Kilogramm Bio-Kraftstoff eine Fläche von fast 10 Quadratmetern benötigt. Während die beim Verbrennungsvorgang freigesetzten Emissionen tatsächlich CO2-neutral sind, wird dieser Vorteil zu einem Teil durch den oben genannten Energiebedarf wettgemacht. Schließlich setzt chemischer Dünger erhebliche Mengen an Kohlendioxid (CO2) und Methan frei und trägt – zusammen mit Monokulturen – zur Auslaugung der Böden bei. Hinzu kommt die Vernichtung von Regenwäldern in Südamerika, aber auch in Asien.

Waldvernichtung in der dritten Welt mag manchen Europäern abstrakt erscheinen. Auf steigende Lebensmittelpreise trifft dies sicherlich nicht zu. Die derzeit schärfste Kritik am Bio-Kraftstoff bezieht sich folglich auf die Konkurrenz zum Nahrungsmittelanbau bzw. die Konkurrenz bei der Verwendung. Während in deutschen Supermärkten die Preise steigen, schätzt das UN-Welternährungsprogramm WFP, dass 100 Millionen Menschen vom Hunger bedroht sind, da es keine ausreichenden Mittel für den Ankauf von Nahrungsmitteln mehr hat.

Die steigenden Preise sind aber auch für die Produzenten von Bio-Kraftstoff eine Herausforderung, weil der notwendige Rohstoff – sofern er für den menschlichen Verzehr geeignet ist – immer teurer wird. Nur mit Hilfe von Subventionen und Steuererleichterungen lassen sich die Preise kontrollieren, was weder im Sinne des Marktes noch der Konsumenten ist.

 


Palmöl verdrängt auf dem Weltmarkt zunehmend Raps als Energierohstoff, da es preiswerter ist. Palmöl verdrängt auf dem Weltmarkt zunehmend Raps als Energie-rohstoff, da es preiswerter ist.
Bio-Kraftstoff ist mit Sicherheit nicht zeitgemäß, wenn er zu seiner Herstellung einen unangemessen hohen Energieaufwand benötigt und mit dem Nahrungsmittelanbau konkurriert. Angesichts von wachsendem Wohlstand in weiten Teilen Asiens bei einer wachsenden Weltbevölkerung können wir davon ausgehen, dass herkömmlicher Bio-Kraftstoff der ersten Generation keine Zukunft haben kann. Es gibt jedoch Alternativen. Zum einen ist der Anbau von Rohstoffen, die eben nicht in Konkurrenz zum Nahrungsmittelanbau stehen, zu forcieren. Das ist möglich und wird von manchen Unternehmen bereits praktiziert. So können anspruchslose Castor- und Jatrophapflanzen in Afrika kultiviert werden, ohne mit der einheimischen Landwirtschaft in Konkurrenz zu treten. Sie benötigen weder chemischen Dünger und gute Böden noch künstliche Bewässerung. Das gewonnene Öl eignet sich als Bio-Kraftstoff, aber auch für die kosmetische und pharmazeutische Industrie. Dadurch steigt das Einkommen vor Ort, ohne dass dieser Zuwachs durch steigende Lebensmittelpreise als Folge des Ölsaatenanbaus zunichte gemacht wird. Zu oft wird übersehen, welche enorme soziale Verantwortung Unternehmen haben, die in der dritten Welt aktiv sind. Dazu zählt der Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur, wie Straßen, sauberes Trinkwasser, medizinische Versorgung, die der einheimischen Bevölkerung und dem Unternehmen zugute kommt. Wer einen langfristigen Ansatz verfolgt, ist hier in der Pflicht. Der entscheidende Faktor ist also die Art und Herkunft des zugrundeliegenden Rohstoffs.

Peter Korak, Vorstand Flora Ecopower AG München

*Anmerkung der Redaktion: Alnatura bevorzugt den Begriff »Agrarsprit« statt Bio-Kraftstoff, denn in aller Regel werden die nachwachsenden Rohstoffe nicht biologisch angebaut!

 


Meine Meinung:

Visual
  • Essen gehört auf den Teller, nicht in den Brennofen
  • Urwald, z.B. am Amazonas, darf nicht gerodet werden, schon gar nicht, um Ackerbau für Energiepflanzen zu betreiben
  • Agrarsubventionen müssen vorab auf ihre Langfristauswirkungen, unter jedem denkbaren Aspekt, abgeklopft werden.




Dr. Manon Haccius, studierte Agrarwissenschaftlerin und ist seit April 2000 bei Alnatura für Qualitätsmanagement und Verbraucherservice zuständig.