01.01.2012

Arbeiten bis alles geklärt ist

Völlig zu Recht gilt der 1953 im Ruhrgebiet geborene Martin Kippenberger als einer der vielseitigsten und experimentierfreudigsten Künstler des späten 20. Jahrhunderts.

 


Visual

 


Bildnachweis: Städel Museum, Martin Kippenberger (1953-1997) Zwei proletarische Erfinderinnen auf dem Weg zum Erfinderkongress, 1984 Öl und Silikon auf Leinwand, 160 × 133 cm, © Nachlass Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln

 


Mitte der 1980er-Jahre entstand eine Serie von Gemälden um das Werk »Zwei proletarische Erfinderinnen auf dem Weg zum Erfinderkongress« (1984), die sich in der für Kippenberger typischen provokanten Art aus der Bildwelt des Kommunismus bedienten. Aus westdeutscher Sicht blickt der Künstler auf die Zeit des russischen Aufbruchs zurück: Die Ideologie der Arbeit, die Selbstbefreiung des Proletariats, die kollektive Lebensform waren Schlagworte, die er pointiert und ironisch in seine Bilder aufnahm. Titel der Werkgruppe lauten »Kulturbäuerin bei der Reparatur ihres Traktors«, »Werktätige Bevölkerung kurz vor der Mittagspause« oder »Arbeiten bis alles geklärt ist«. Kippen­berger wollte allerdings keine politische Position beziehen, vielmehr sprach er die schlichte Wahrheit aus, dass hinter all jenen symbolischen Überlagerungen das Leben selbst in seiner Banalität liegt.

Auf der Leinwand schreiten »Zwei proletarische Erfinderinnen auf dem Weg zum Erfinderkongress« forsch und der russischen Kälte trotzend voran. Die beiden schweren grauen Repräsentantinnen der Arbeiterklasse bewegen sich in einem abstrakten geistigen Raum. Die monochrome Leinwand im Hintergrund mag an den Suprematismus erinnern, den wohl wichtigsten Beitrag Russlands zur Moderne, der allerdings schon bald einer figurativen Staatskunst weichen musste. Die beiden Erfinderinnen Kippenbergers sind formal an den sozialistischen Realismus angelehnt. Der Kontrast zwischen der blassen, politisch motivierten Figuration und der farbenfroh triumphierenden Abstraktion ist ironisch ins Bild gesetzt. Was für Kippenberger jenseits der Stile und Ismen zu bleiben scheint, ist gekonnt vorgetragenes »Bad Painting«, das sich um »High ’n’ Low«, Ost und West, Politik und Utopien wenig kümmert.

Nachdem sich Martin Kippenberger 1976 dafür entschieden hatte, Künstler zu werden, spekulierte der damals 23-Jährige nach eigenen Worten nicht zuletzt wegen seiner Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Helmut Berger zunächst auf eine Karriere beim Film. Ein Akteur, auf den sich die Augen der Kunstöffentlichkeit richteten, ist er allerdings auch ohne relevante Filmrollen zeit seines Lebens gewesen. Martin Kippenbergers Tätigkeitsfeld war von enormem Ausmaß. Er war Maler, Installationskünstler, Bildhauer, Performancekünstler und Fotograf, zudem mischte er sich in jeden Aspekt seiner Kunst ein.

Kippenbergers provokante Reaktion auf die Begeisterung für die Anfang der 1980er-Jahre aufstrebende »neue wilde Malerei« ließ nicht lange auf sich warten: Für seine Produktion »Lieber Maler, male mir …« (1981) beauftragte er einen Maler von Kinoplakaten, der nach Kippis Fotovorlagen Ölbilder herstellte. Doch kurz nach dieser ebenso radikalen wie programmatischen Geste zog er seinen Malerkittel wieder an, und es kam zu einer explosionsartigen Ausschüttung von Leinwandbildern. In Frankfurt, wo Martin Kippenberger von 1990 bis 1991 an der Städelschule lehrte, traf man ihn regelmäßig in der Apfelweinkneipe »Zum Gemalten Haus«. Vielleicht ein Sinnbild für einen Künstler, der die Grenzen von Kunst und Leben radikal sprengte.

››› Axel Braun, Städel Museum

Weitere Informationen zum Städel Museum unter www.staedelmuseum.de

 

 

Das Städel Museum
Der Frankfurter Kaufmann und Bankier Johann Friedrich Städel legte 1815 mit seinem Testament den Grundstein für eines der ältesten Kunstmuseen in Deutschland, das Städel Museum. Die Sammlung präsentiert mit ihrem reichen Bestand von rund 2.900 Gemälden, 600 Skulpturen, 500 Fotografien und über 100 000 Zeichnungen und Druckgrafiken einen Überblick über 700 Jahre europäische Kunstgeschichte - vom Mittelalter bis in die Gegenwart.

Ab Herbst 2011 wird sich das Städel Museum in drei Etappen neu präsentieren. Beginnend mit der Wiedereröffnung des Sammlungsbereichs »Kunst der Moderne«, gefolgt von der Neupräsentation der »Alten Meister«, werden im sanierten Altbau am Mainufer die Meisterwerke von Holbein, Cranach, Dürer, Botticelli, Rembrandt und Vermeer bis hin zu Matisse, Monet, Picasso, Kirchner und Beckmann in einer neuen Zusammenstellung zu sehen sein. Für die Sammlung der Gegenwartskunst wird derzeit ein spektakulärer, architektonisch einzigartiger unterirdischer Erweiterungsbau errichtet. Mit dessen Neueröffnung im Februar 2012 wird eine der ältesten und bedeutendsten Museumsstiftungen Deutschlands gänzlich in neuem Glanz erstrahlen und ihre Ausstellungsfläche verdoppelt haben.